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"Ich rate der Kirche, die Dichter einzuschalten"

Nora Gomringer nennt sich selbst Christin und Autorin. Sie hat 2015 den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen, außerdem leitet sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. Mit der 38-Jährigen haben wir gesprochen über den Gottesbezug in ihrer Kunst, die Mode der Priester und die Frage, ob die Sprache der Kirche zur Zielgruppe passt.

2018 ist im Erzbistum Bamberg das Jahr der Kultur. Kultur ist untrennbar verbunden mit Religion, mit der Sie sich auch immer wieder lyrisch befassen. Wäre Ihre Kunst ohne Gottesbezug eine andere?

Ganz sicher, weil ich dann ein anderer Mensch wäre. Das Wesen in mir, das Texte produziert, ist auch ein Wesen, das sich viel mit Gott auseinandersetzt. Auch in Aggressivität, Zweifel oder Wut. Wut ist ja etwas Gutes, Wut aktiviert. Und deshalb führt mein Gottesbezug zu einem ständigen Ringen, das in meiner Arbeit einen festen Platz hat.

Welche Rolle spielt Religion in Ihrem Leben?

Ich darf mich eine Christin nennen, deren Glaube nie vor irgendwelchen schweren Härteproben stand. Diese glückliche Glaubensbiografie wurde in meiner Kindheit sehr geprägt. Ich habe damals gelispelt – und habe dann immer die Bibel zur Hand genommen und ganz kindlich gedacht: Naja, wenn ich mit der Bibel jetzt laut lesen übe, dann wird Gott mich nicht sabotieren und dafür sorgen, dass ich das gut sprechen kann. Und so war es dann auch. Mit der Zeit habe ich durch die Bibel das Formulieren von Sprache schätzen gelernt und auch Freude gehabt an diesem Text, den ich als sehr wertvoll erkannt habe.

Die Bibel war für Sie als Kind also immer griffbereit?

Meine Mutter ist gläubige Christin. Und das, obwohl sie als geschiedene und wiederverheiratete Frau sich von der Kirche ein bisschen an die Seite gedrängt gefühlt hat, was sie sehr verletzt hat. Trotzdem hat sie meine Bestrebungen unterstützt, einen Weg in die Kirche zu finden: als Ministrantin, als junges Mädchen in der Pfadfindergruppe und als Frau. Zur Zeit meiner Firmung ist meine Familie sehr auseinandergebrochen. Von unserem Pfarrer in Rehau wurde ich damals sehr gestützt. Ich bin mit einem guten Pfarrer aufgewachsen, zu dem ich noch guten Kontakt habe. Das hat meine Glaubensbiografie positiv beeinflusst.

Welche Rolle spielt das Christliche heute für Ihre Literatur?

Ich bin sehr dankbar, auch 2018 immer noch mit biblischen Metaphern in der Lyrik arbeiten zu können, die zum Teil noch gut verstanden werden können, obwohl ich immer mehr auch erklären muss, zum Beispiel in den Schulen. Bei Menschen über 40 oder 50 ist es noch selbstverständlich, dass biblische Bilder bekannt sind. Als Schriftstellerin ist es mir ein Bedürfnis, christliche Motivik und auch den Glauben und ein Einstehen für den Glauben zu transportieren.

Sie sagen von sich, dass Sie die unbeholfenste Ministrantin aller Zeiten waren.

Dieses ständige Versagen rund um den Altar ist Thema meines letzten Gebetstextes. Im Nachhinein finde ich das geradezu bezeichnend, denn unbeholfen fühlt sich der Mensch ja auch vor Gott: als ein Versager an Gottes Schöpfung. Obwohl Gott uns ja netterweise in die Situation stellt, in der klar ist: Du bist geliebt. Egal, ob dir etwas gelingt oder nicht. Man kann die unbeholfene Ministrantin als Metapher auf das Christenleben betrachten.

Wir denken nicht mehr instinktiv an Himmel und Höllenfeuer, wenn das Wort Erlösung erklingt.“

Sie sind in sozialen Netzwerken sehr aktiv. Glauben Sie, dass Kultur und Sprache im Digitalen bedroht sind? Etwa vong Grammatik her.

Nein. Eine Gefahr kann man da nur fühlen, wenn man von einem sehr normativen Verständnis von Sprache und Kultur ausgeht. Da ich aber fühle, dass Sprache ein sich ständig bewegender, sich ständig verändernder, quallenartiger Körper ist, der sich ausdehnt und ausweitet, sehe ich das nicht so. Es ist doch toll: Wir alle dürfen und können kommunizieren in diesem Medium Sprache. Und es ist eben an uns zu definieren, wer wir da sind und wie wir wirken wollen. Das heißt auch mal, nicht jeden Mist sofort zu kommentieren und vor allem nicht persönlich zu werden. Was wir brauchen, ist eine Art Knigge für das Internet und für den Umgang mit sozialen Medien.

Erik Flügge hat 2016 ein Buch geschrieben, dessen Untertitel lautet „Wie Kirche an ihrer Sprache verreckt“. Was würden Sie der Kirche für ihren Sprachgebrauch raten?

Das ist ein super Buch. Ich rate der Kirche, mehr die Dichter einzuschalten und ihre Sprache auch über die Werbekanäle durchchecken zu lassen. Wenn man mit den Worten Heiland oder Auferstehung kommt, geht das heute an den Leuten erstmal vorbei. Und ich glaube, da können wir bei der Sprache jetzt mal präzisieren und sie auch kleiner machen, ohne sie klein zu machen. Das Verwenden von großen Begriffen, die nicht mehr in die Lebenswelt der Menschen passen, bringt nichts. Wir denken nicht mehr instinktiv an Himmel und Höllenfeuer, wenn das Wort Erlösung erklingt. Man muss sich in die Lage der Menschen hineindenken, die die Sprache aufnehmen und sich fragen, ob wirklich die Botschaft ankommt, die in Predigten ausgesendet wird. Kirche sollte ihre Sprache einer freundlichen Analyse unterziehen, ob sie denn wirklich noch trifft.

Sie befassen sich auch viel mit Mode. Was halten Sie von der „Mode“ der katholischen Kirche?

Priestergewänder haben etwas ganz Magisches und Unheimliches für mich. Und dadurch etwas Anziehendes. Alleine schon, dass das Gewand diese Verwandlung herbeiführt. Das ist ja auch der Gedanke, dass der Priester dann eine andere Person ist. Jede Art von Kleidung verändert uns. Wenn ich einen Badeanzug anziehe, bin ich ein Schwimmer. Aber so ein Priestergewand ist natürlich auch mit allen Hoffnungen der Welt verbunden. Der Priester ist jemand, dem man alle Hoffnungen der Erlösung, des Heils, der göttlichen Liebe und des Vertrauens zuspricht. Für die Person, die es trägt, ein durchaus schwieriges Gewand.

Ihre Kunst lässt weiten Raum für Interpretation. Sie haben eine Vorlesungsreihe gehalten mit dem Titel „Der Gott zwischen den Zeilen der Nora G.“ Was steht da über Gott?

Da steht drin, dass mich die Reflektion über den Gott, mit dem ich glaube, zu tun zu haben, demütig sein lässt und gleichzeitig immer wieder Vertrauen schenkt, dass Leben sinnhaft ist. Außerdem versuche ich zwischen den Zeilen mitzuteilen, dass ich mich als zutiefst erlösungsbedürftig empfinde. Es ist unpopulär, das mitzuteilen, weil Erlösungsbedarf auch heißt, dass man Schuld auf sich geladen hat. Und man fragt: Was habe ich denn angestellt? Aber eigentlich ist Erlösung eine grundlegende Sehnsucht jedes Menschen. Und die Christen haben das Glück, das aussprechen zu dürfen.

Wie stellen Sie sich Gott vor?

Ich bin zum Glück befreit von der Not, mir eine Person mit Bart vorstellen zu müssen. Gott ist ein Projektionsziel für unsere Wünsche. Ich habe die große Hoffnung, dass Gott sehr humorvoll ist.

Das Interview führte Hendrik Steffens.