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Gemeinsam stark:Eine Freundschaft mit Tatkraft

In mehr als einem Jahrzehnt der Bistumspartnerschaft zwischen Bamberg und Thiès im Senegal ist viel Gutes gewachsen. Weihbischof Herwig Gössl erlebte bei seinem ersten Besuch in Westafrika die Lebensfreude und Gastfreundschaft der Menschen, sah aber bei Projektbesuchen auch Herausforderungen für Caritas und Politik.
Datum:
Veröffentlicht: 1.6.18
Von:
Hendrik Steffens und Marion Krüger-Hundrup

Vor elf Jahren war die Straße, die von der Flughafenstadt Dakar 70 Kilometer östlich nach Thiès führt, nicht mehr als eine huckelige Sandpiste. Die Partnerschaft zwischen dem Erzbistum Bamberg und dem Bistum Thiès wurde damals beschlossen. In den folgenden Jahren wurden Straße wie Partnerschaft ausgebaut zu tragfähigen und verlässlichen Strukturen, von denen viele Menschen profitieren. Davon hat sich Weihbischof Herwig Gössl Anfang des Jahres überzeugt. Bei seinem ersten Besuch im Senegal erlebte Gössl laut eigener Aussage, wie seine große Wertschätzung für die Bistumspartnerschaft zu regelrechter Begeisterung wurde. Auch weil sie konkrete Perspektiven schafft.

Weihbischof Gössl ist Bischofsvikar für die Caritas im Erzbistum Bamberg. In dieser Funktion hat er bei seinem Besuch in der Partnerdiözese Projekte der dortigen Caritas besichtigt und einige Unterschiede festgestellt. Die Caritas der Diözese Thiès hilft niederschwellig. Damit vor allem Frauen kleine Betriebe aufbauen können, werden Kleinstkredite vergeben. Die Zinsen darauf sind deutlich niedriger als bei Staat und Banken. Zu den vielen Caritas-Projekten zählt aber auch der Brunnenbau zur Bewässerung. Ebenso gehört dazu, den Bauern zu zeigen, wie sie ihr Saatgut im sandigen Boden vor Erosion schützen können. Auch werden Sanitäranlagen gebaut, Hygiene verbessert und über Gefahren durch Infektionskrankheiten wie Malaria oder HIV aufgeklärt. Die Arbeit ist sehr vielfältig.

Die Caritas-Arbeit hier ist anders als die bei uns in Deutschland oder Bamberg. Sie ist weiter gefasst. Während sich Caritas bei uns konkret auf soziale Not in unterschiedlichen Lebenslagen spezialisiert, berührt sie hier zusätzlich alle möglichen Aspekte der Entwicklungs-, Bildungs- und Aufklärungsarbeit. Ich habe in der Kürze der Zeit keine tiefen Einblicke gewonnen. Aber das Wirken hier scheint mir Antworten auf konkrete Lebenssituationen der Menschen zu geben und effizient zu sein. Wir haben ein Projekt besucht, bei dem Kleinkredite an Menschen vergeben werden, damit diese sich eine Existenz aufbauen können. Die Kredite sind ein Anstoß, etwas Eigenes zu schaffen. Es ist schön zu sehen, wie gewissenhaft die Menschen hier dieses und viele andere Projekte tragen und verantwortungsvoll das Beste daraus machen.“

- Weihbischof Herwig Gössl

Bischof André Gueye koordiniert als Oberhaupt der Diözese Thiès die katholischen Glaubens- und Hilfsangebote in der Region. Er weiß um die Sehnsüchte und um Nöte, die vor allem die Menschen auf dem Land beschäftigen und sie dazu bringen, aus ihrer Heimat in die Großstädte oder nach Europa aufzubrechen. Trotz eines Wirtschaftswachstums von rund sechs Prozent sind viele Senegalesen arbeitslos. Etwa 30 Prozent der Hochschulabsolventen finden keinen Arbeitsplatz. 45 Prozent der Jugendlichen verfügen über keine Berufsausbildung. Sie träumen vom „Paradies Europa“. Gleichzeitig wissen die wenigsten, dass die Anerkennungsquote von Asylsuchenden aus dem Senegal lediglich 1,4 Prozent beträgt, auch weil der Senegal als sicheres Herkunftsland eingestuft ist. Flucht heißt Lebensgefahr mit geringen Chancen auf Bleiberecht und ein besseres Leben.

Ob in der Bewässerung, der Entwicklungshilfe, der Landwirtschaft, der Bildung: Es geht immer auch um Perspektiven. Nur wenn wir die schaffen, können wir einen kleinen Teil dazu beitragen, dass die Menschen nicht erst in die Städte und dann nach Europa emigrieren wollen. Die Caritas ist so wichtig, weil sie für alle da ist, ohne Unterschiede zu machen. Sie ist ein Zeichen der Liebe Gottes für alle Menschen und vor allem für die Ärmsten.“

-Bischof André Gueye

Als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat Thomas Silberhorn den Senegal und die Diözese Thiès mehrfach besucht. Er weiß um die Rolle des westafrikanischen Landes als eines der Hauptherkunftsländer junger Migranten, die sich in Europa eine bessere wirtschaftliche Zukunft erhoffen. Fragen der Migration sind für den Politiker Alltag. Um aussichtslose Migration zu verhindern und ihr Perspektiven im eigenen Land entgegenzusetzen, steht die Politik auch im ständigen Dialog mit der Kirche.

Entwicklungszusammenarbeit sollte immer dazu beitragen, stabile Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Perspektiven entwickelt und verwirklicht werden können. Da spielen Gesundheit, Bildung und Infrastruktur eine große Rolle. In diesen Bereichen kann die Politik einen Beitrag leisten, und das tut sie auch. Aber unmittelbar näher an den Bedürfnissen der einzelnen Menschen sind die Kirchen und deren Beitrag zur Entwicklung. Hier in Thiès ist beeindruckend zu sehen, wie das Erzbistum Bamberg, aber auch die christlichen Kirchen generell gemeinsam mit Vertretern des Islam daran arbeiten, die Lebensumstände der Menschen zu verbessern.“

-Thomas Silberhorn, bis 2018 Parlamentarischer Staatssekretär im Entwicklungsministerium

Dank bayerischer Unterstützung hat Victor Sakagne Tine (21) eine gute Chance auf beruflichen Erfolg. Vor einigen Wochen begann er im Don-Bosco-Zentrum der Diözese Thiès den neuen Ausbildungslehrgang Solartechniker. „Erneuerbare Energien sind wichtig für den Senegal“, erklärt Victor. Er will fleißig lernen und geht davon aus, nach dem Abschluss auch Arbeit zu finden „und meinem Land bei der Entwicklung helfen zu können“. Berufliche und wirtschaftliche Perspektiven seien besser, als die gefährliche Reise quer durch Afrika nach Europa, weiß der junge Erwachsene nach gründlicher Aufklärung durch seine Lehrer.

Aufklärung gehört zum Programm mehrerer Bayern-Projekte, die Menschen fit machen wollen für Erneuerbare Energien oder eine moderne Agrarwirtschaft und wirtschaftliche Kooperation. Koordiniert werden sollen sie in einem bayerisch-senegalesischen Kompetenzzentrum für Beschäftigung und Zukunft, das jüngst fertiggestellt worden ist. Es soll dabei helfen, jungen Senegalesen Einkommens- und Zukunftsperspektiven im Heimatland zu geben. Im Zuge des Sonderprogramms zur Bekämpfung von Fluchtursachen investiert die Bayerische Staatsregierung drei Millionen Euro in der Region Thiès – in Kooperation mit dem Erzbistum Bamberg und dem Bistum Thiès.

Im Kompetenzzentrum sollen künftig Fort- und Weiterbildungen angeboten werden sowie Wirtschaftsdialoge und Sensibilisierungen für Möglichkeiten einer erfolgreichen Zukunft im Senegal. Das Erzbistum Bamberg wird in dieses Zentrum einen Entwicklungshelfer entsenden – neben einem finanziellen Zuschuss zur Sanierung des Gebäudes der fränkische Beitrag für die Vorhaben. Erzbischof Ludwig Schick betont, wie wichtig es sei, Menschen in Ländern mit begrenzten Möglichkeiten eine Perspektive zu bieten. Es sei ein „humaner Akt und damit eine Christenpflicht, Fluchtursachen zu bekämpfen, um Menschen davor zu bewahren, zu Flüchtlingen zu werden“. Deshalb arbeite die Erzdiözese an Projekten mit, die Fluchtursachen beheben wollen, so auch an denen der Bayerischen Staatsregierung in Thiès.

Es ist eine Christenpflicht, Fluchtursachen zu bekämpfen, um Menschen davor zu bewahren, zu Flüchtlingen zu werden.“

-Erzbischof Ludwig Schick