Für Seelen sorgen:Eine Oase in der Stadt

In der „Offenen Tür Erlangen“ finden Menschen in seelischen Notlagen Hilfe. Niedrigschwellig, professionell und kostenlos.
Datum:
Veröffentlicht: 1.6.19
Von:
Harry Luck

Wer durch die Offene Tür in Erlangen tritt, hat ein Problem, braucht psychologische Beratung oder einfach nur jemanden zum Reden. Das Seelsorge- und Beratungszentrum des Erzbistums Bamberg ist zwar am Katholischen Kirchenplatz 2, aber die Tür ist offen für jeden, unabhängig von Religion und Glauben. Wer die Offene Tür betritt, trifft zum Beispiel zunächst auf Eva Bulitta. Sie ist eine von rund 30 Ehrenamtlichen, die hier täglich von 9 bis 18 Uhr als erste Ansprechpartner zur Verfügung stehen, immer ein offenes Ohr und einen frisch gebrühten Kaffee anbieten. Sie ist seit 25 Jahren in der Offenen Tür aktiv und hat in dieser Arbeit eine Erfüllung gefunden, als die eigenen Kinder aus dem Haus waren. Wer durch die Offene Tür tritt, hat vielleicht Beziehungsprobleme, leidet unter Ängsten, trauert um einen lieben Menschen oder kommt aus anderen Gründen mit seiner Lebenssituation nicht zurecht. Vielleicht scheut er sich, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Vielleicht wurde er auch von einem Psychologen, der keine Patienten mehr aufnimmt, an die Offene Tür verwiesen. Die Gründe sind vielfältig, warum rund 700 bis 800 Menschen pro Jahr die Beratungsstelle aufsuchen, die in einem renovierten und erweiterten Bürgerhaus aus dem 18. Jahrhundert untergebracht ist. 384 Erstkontakte gab es im Jahr 2018, 3.100 Beratungsgespräche wurden geführt. Tendenz steigend. Neben den ehrenamtlichen Ansprechpartnern stehen auch sieben professionelle Beraterinnen und Berater mit unterschiedlichen beraterischen Ausbildungen zur Verfügung. Und das kostenlos. Das Erzbistum finanziert die Einrichtung mit den Personalkosten, einem sechsstelligen Sachetat und dem Unterhalt des Gebäudes. Zuschüsse geben Landkreis und Stadt, darüber hinaus gibt es Spenden von Privatpersonen und Institutionen.

„Lebenshilfe mit Herz und Menschlichkeit“

Vor zwei Jahren habe ich wegen einer spezifischen Angststörung Hilfe gesucht. Ich war sehr verzweifelt, mir ging es schlecht, ich hatte Schwindelanfälle. Ich wandte mich an verschiedene Stellen, doch es gab ewig lange Wartelisten, alles ging sehr zäh und blieb ergebnislos. Von einer Freundin erfuhr ich dann von der Offenen Tür. Hier wurde ich sofort aufgenommen und bekam ein offenes Ohr. Ich war begeistert von der Atmosphäre und dem guten persönlichen Kontakt zu meinem Berater. Dies hat eine ganz andere Qualität als eine reine Therapie, wo man als Patient gesehen wird. Hier wird man als Mensch gesehen. Ich bekomme hier Lebenshilfe mit Herz und Menschlichkeit. Inzwischen mache ich eine Verhaltenstherapie, aber die begleitenden Besuche in der Offenen Tür sind für mich eine Oase, ich finde hier einen Ort der Besinnung. Es kann hierher jeder kommen, egal woran er glaubt. Ich war sehr überrascht, dass die katholische Kirche so etwas anbietet. Ich bin der Kirche gegenüber eigentlich nicht sehr freundlich gestimmt, aber was hier gemacht wird, ist der Hammer. Ich kann nur sagen: „Respekt und Hut ab!“

-Melanie R.* (54), Selbstständige Unternehmerin

Einer der Berater ist Michael Dörfler, der seit 1981 in der Offenen Tür hauptamtlich tätig ist und seitdem wohl fast 30.000 Gespräche geführt hat. Einige seiner Klienten, die er in schwerer Krankheit begleitet hat, sind ihm nachhaltig in Erinnerung geblieben. „Aus diesen Situationen bin ich beschenkter herausgegangen als ich hineingegangen bin“, erinnert sich der Pädagoge, Therapeut und Traumafachberater. Auch Fälle von seelischen Verletzungen in der eigenen Familie, die bei den Betroffenen oft schwere körperliche Störungen zur Folge hatten, berühren ihn. „Da bin ich froh, wenn ich nach der Arbeit auf dem Fahrrad nach Hause fahre, um abschalten zu können.“

Nicht nur für solche Fälle, die viel Kraft kosten, gibt es eine professionelle externe Supervision, in der die Beraterinnen und Berater sich stets in guten Händen wissen. Der Theologe Günther Leyh leitet seit zehn Jahren die Einrichtung, die 1971 von Karmelitenpatres gegründet wurde. Leyh ist Seelsorger (Diakon) und Ehe-, Familien- und Lebensberater. Dieses Jahr geht er in den Ruhestand. Sein Beruf, so sagt er, hat ihn demütig gemacht. „Es verdient großen Respekt, wie viele unter schwierigsten Voraussetzungen trotzdem ihr Leben meistern. Auch wenn sie dabei Hilfe benötigen.“ Es gibt Menschen, so erläutert er, die aufgrund ihrer Lebensgeschichte wenig Ressourcen haben, mit schwierigen Alltagssituationen zurecht zu kommen. Da könnten schon scheinbar einfache Ereignisse zu einer Krise führen.

Immer wieder kommen Ratsuchende selbst auf das Thema Beten zu sprechen.“

-Günther Leyh

Michael Dörfler ergänzt, dass auch Menschen, die im Beruf und im Leben erfolgreich sind, sich an die Offene Tür wenden, zum Beispiel, wenn sie mit beruflichen Entwicklungen überfordert sind, vom Partner verlassen werden oder eine schlimme Krankheitsdiagnose erfahren. Und sie schätzen es, dass sie hier anonym bleiben können. Manchmal kann die psychische Ausnahmesituation auch wie ein Blitz aus heiterem Himmel eintreten. Polizisten, Notfallseelsorger, Rettungssanitäter haben Karten mit der Nummer der Offenen Tür und anderer Einrichtungen dabei, die sie im Notfall verteilen. „Hilfe in seelischen Notlagen“ steht darauf. Diese Kärtchen wurden in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Notfall- und Rettungsdiensten sowie der Polizei erstellt. Überhaupt arbeitet die Offene Tür mit vielen Einrichtungen der psychosozialen Versorgung und auch mit Ärzten und Psychotherapeuten zusammen.

Aus diesen Situationen bin ich beschenkter herausgegangen, als ich hineingegangen bin.“

-Michael Dörfler

Seelsorge und psychosoziale Beratung gehen oft fließend ineinander über. Auch wenn niemand nach dem Glauben der Klienten fragt, so spielen in den Beratungsgesprächen auch Sinnfragen immer wieder eine Rolle. Im Gesprächsraum, der wie das gesamte Haus modern, hell und freundlich eingerichtet ist, hängt – unauffällig aber nicht versteckt – ein Kreuz an der Wand. „Immer wieder kommen Ratsuchende selbst auf das Thema Beten zu sprechen“, sagt Leyh. Und manchmal suchen auch Muslime die katholische Einrichtung auf, weil sie mit jemandem reden wollen, der selbst gläubig ist und auch ihre Religion respektiert. „Die Offene Tür“, sagt Leyh, „ist eine Oase in der Stadt“. Und die Hilfe, die hier Tag für Tag von Haupt- und Ehrenamtlichen geleistet wird, ist ein Dienst der Kirche an den Menschen. Katharina W. (56), die schon seit 20 Jahren zur Offenen Tür geht, freut sich immer noch über das Angebot: „Das ist keine Larifari-Einrichtung, wo man ein bisschen betüddelt wird. Hier bekommt man professionelle Hilfe von ausgebildeten Fachleuten.“ Auch ihre ganz eigene Art zu glauben habe sie immer in die Gespräche mitnehmen können. Und Heidrun K. (38), die in der Offenen Tür in einer Beziehungskrise Unterstützung gefunden hat, bringt es so auf den Punkt: „Hier bekommt man immer Hilfe, hier haben die Menschen das Herz am rechten Fleck.“

„Mein Freund wollte nicht zum Psychologen“

Beziehungsprobleme mit meinem Lebenspartner waren der Auslöser für meinen ersten Kontakt mit der Offenen Tür. Ich wollte eine Paarberatung, und er weigerte sich, zum Psychologen zu gehen. Also suchten wir ein anderes Angebot mit dem Ziel, unsere seit acht Jahren bestehende Beziehung zu retten. Nach dem Erstgespräch in der Offenen Tür gab es ein Kennenlernen mit der Beraterin, die individuell auf unsere Situation einging und uns Raum zum Reden gab. Wir kamen ein halbes Jahr lang einmal pro Woche. Und mein Freund ist auch bereitwillig mitgegangen. Die Hemmschwelle war ja auch niedrig, die Krankenkasse erfährt nichts davon, dass man psychologische Hilfe in Anspruch nimmt, das kann sehr wichtig sein. Die Beraterin positionierte sich nicht auf der einen oder anderen Seite, sondern half uns, dass wir uns gegenseitig öffneten und uns klarmachten, was wir eigentlich voneinander wollten – und was nicht. Und so stellte sich heraus, dass wir völlig verschiedene Erwartungen hatten. Ich wollte heiraten, er eine möglichst lockere Verbindung. Und obwohl Trennung am Anfang keine Option war, hat sich letztlich herausgestellt, dass es keine Alternative für uns gab. Wir haben uns in Frieden und gegenseitiger Achtung getrennt, ohne Schlammschlacht. Ich glaube, das wäre ohne die Therapie so nicht möglich gewesen. Auch nach der Trennung habe ich noch viel Hilfe in der Offenen Tür bekommen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich dieses Angebot der Kirche in Anspruch nehmen kann, obwohl ich selbst gar nicht katholisch bin.

-Heidrun K.* (38), Krankenschwester

* DIE GESPRÄCHE WURDEN VON DER REDAKTION PROTOKOLLIERT, DIE NAMEN DER KLIENTINNEN VERÄNDERT.

Beratungsstellen

Neben der Offenen Tür Erlangen gibt es in elf Städten in Trägerschaft des Erzbistums Psychologische Beratungsstellen für Ehe-, Partnerschafts-, Familien- und Lebensfragen. https://psychologische-beratung.erzbistum-bamberg.de

Für Menschen mit besonderen Problemen bietet die Caritas außerdem zahlreiche Beratungsstellen an. https://www.caritas-bamberg.de/angebote/bei_besonderen_problemen/index.html

Text von Harry Luck