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Ein Stützpunkt für Familie:Familienarbeit im Kindergarten

Reger Austausch bei Pfannkuchen und Schinkenbrot: Im Familienstützpunkt des Kindergartens St. Anton in Nürnberg lernen sich Eltern beim wöchentlichen Frühstück kennen, um voneinander zu lernen, sich zu unterstützen und um mit dem Kindergarten im Gespräch zu bleiben. Ein gelungenes Projekt, das auf eine Erbschaft zurückgeht.
Datum:
Veröffentlicht: 1.6.17
Von:
Nadine Luck

15 Frauen sitzen in dem kleinen Raum an der Nürnberger Denisstraße, der Tisch ist schön gedeckt, vor ihnen sind Tulpen in Vasen und geschmackvoll beladene Frühstücksteller, mit Erdbeeren, geschnittenem Gemüse, Brötchen, Wurst, Käse. Zwei der Frauen haben Babys dabei. Hinter ihnen, an der Wand, hängt ein Verkehrsschild mit den Worten „Erhebet die Herzen“, daneben eine Uhr, auf deren Ziffernblatt Muffins abgebildet sind sowie der Schriftzug „Keep calm and eat cupcakes“; 10 Uhr ist es gerade. „Mag noch jemand einen Pfannkuchen?“, fragt eine Frau. Und dann wird gegessen, und noch mehr: geredet. Wie viel darf euer Kind fernsehen? Schläft es nachmittags noch? Wie erkläre ich dem Arbeitsamt, dass ich es wichtig finde, in meinem alten Beruf zu arbeiten? Das sind die Themen, die die Frauen an diesem Tag diskutieren.

Wir sind zu Gast beim Elternfrühstück des Familienzentrums des Kindergartens St. Anton im Nürnberger Stadtteil Gostenhof. Jeden Dienstag treffen sich hier Eltern, Nachbarn, Mitglieder der Pfarrgemeinde und Mitarbeiter des Kindergartens zum gemeinsamen, kostenlosen Frühstück. Es geht darum, sich zu vernetzen, voneinander zu lernen, Projekte auszuarbeiten, Spaß zu haben. Hin und wieder findet auch ein Vortrag statt – über Ernährung, Gesundheit, und was sonst ansteht. Dass – neben dem Pfarrer – auch öfter andere Männer dabei sind, beteuern die Frauen.

Die gesamte Familie im Blick

„Unser Kindergarten hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die Bedürfnisse der ganzen Familie zu kümmern“, sagt Susanne Steiner-Püschel, die Leiterin der Einrichtung. „Geht es den Eltern gut, geht es den Kindern gut. Hier beim Elternfrühstück bleibt der Kindergarten im Gespräch mit den Eltern – und die Eltern lernen sich untereinander kennen.“ Mit seiner herausragenden Familienarbeit ist der Kindergarten Teil der Initiative „Katholische Kindertagesstätten auf dem Weg zum Familienstützpunkt“, wie 54 katholische Kindertagesstätten im Erzbistum auch. Im Laufe des Jahres kommen zwei weitere dazu.

Die gesamte Familie im Blick

„Unser Kindergarten hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die Bedürfnisse der ganzen Familie zu kümmern“, sagt Susanne Steiner-Püschel, die Leiterin der Einrichtung. „Geht es den Eltern gut, geht es den Kindern gut. Hier beim Elternfrühstück bleibt der Kindergarten im Gespräch mit den Eltern – und die Eltern lernen sich untereinander kennen.“ Mit seiner herausragenden Familienarbeit ist der Kindergarten Teil der Initiative „Katholische Kindertagesstätten auf dem Weg zum Familienstützpunkt“, wie 54 katholische Kindertagesstätten im Erzbistum auch. Im Laufe des Jahres kommen zwei weitere dazu.

Unser Kindergarten hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die Bedürfnisse der ganzen Familie zu kümmern."

Am Anfang dieser Initiative stand eine Erbschaft: 100.000 Euro hatte das Erzbistum zur Verfügung; Erzbischof Ludwig Schick war es ein Anliegen, das Geld mit nachhaltigem Nutzen für Familien einzusetzen. In der Folge beauftragte er den Caritasverband mit der Entwicklung eines Projektes zur Förderung von Familien, das 2006 zunächst in einer Pilotphase auf den Weg gebracht wurde: Neun katholische Kindertagesstätten aus den unterschiedlichsten Ecken des Erzbistums hatten sich damals bereit erklärt, zu einer Einrichtung zu wachsen, die der gesamten Familie unter die Arme greift. Die Eltern der Kindergartenkinder sollten sich untereinander besser kennenlernen und sich gegenseitig in vielen Belangen des Alltags helfen.

Was den Eltern konkret Gutes getan werden kann – das unterscheidet sich freilich von Kindergarten zu Kindergarten, von Ort zu Ort. Dinge, die in Fürth wichtig sind, funktionieren möglicherweise in Eggolsheim nicht. Manchmal sind Ernährungs- und Erziehungsberatung wichtig, manchmal Hilfe bei den Hausaufgaben der älteren Geschwisterkinder, manchmal eine Elternecke zum Austausch, manchmal eine Babysitter-Börse. Um der Situation vor Ort gerecht zu werden, erstellen die Kindertagesstätten, die zum Familienstützpunkt werden, regelmäßig eine Sozialraumanalyse. Dies ist Bedingung für die Förderung aus dem bischöflichen Fonds. Zudem erhalten die Kindergartenleitung sowie ein Mitarbeiter regelmäßig Fortbildungen, um weiteres Know-how zu erlangen, neue Konzepte zu entwickeln, die Bedürfnisse in der Einrichtung aufzugreifen und weitere Angebote auszuarbeiten. Diese organisieren Mitarbeiterinnen des Referates Kindertagesbetreuung des Caritasverbandes für die Erzdiözese Bamberg und des Referates Kindertageseinrichtungen des Caritasverbandes Nürnberg.

1000 Euro Unterstützung pro Jahr

Oft geht die Arbeit vor Ort Hand in Hand mit lokalen und regionalen Beratungsstellen weiter, mit der Pfarrei – je nach örtlicher Gegebenheit und konkretem Projekt-Ziel: Jede Einrichtung soll jedenfalls einen eigenen, passgenauen Weg beschreiten, der zu ihren Familien passt. Zum Start des Projekts enthält jede der teilnehmenden Einrichtungen auf dem Weg zum Familienstützpunkt ein Startgeld von 6000 Euro, für die ersten drei Jahre. Im Anschluss daran gibt es für die bestehenden Stützpunkte 1000 Euro pro Jahr aus dem Bischofstopf.

Gostenhof, in dem der Kindergarten St. Anton ansässig ist, ist ein buntes, quirliges Viertel mit hohem Migrationsanteil. Den Kindergarten in der Adam-Klein-Straße betreten 72 Kinder über einen Fußabstreifer, auf dem „Herzlich Willkommen“ in vielen Sprachen steht; es ist anzunehmen, dass darauf nicht alle Sprachen der Kinder aus 19 Nationen gepasst haben.

So bunt vermischt wie die Kinder aus aller Herren Länder ist auch die Architektur der Einrichtung: Drei Erdgeschosswohnungen aus drei Häusern haben den Kindergarten in ein großes Ganzes verwandelt. Verwinkelt, heimelig, gepuzzelt ist es hier. Faszinierend, wie die vielen Ecken genutzt sind, in einer Nische ist ein Spielzeugladen, anderswo Regale oder eine Lese-Ecke. „Wir müssen oft Englisch sprechen und noch öfter mit Händen und Füßen“, sagt Steiner-Püschel. Ihr Büro hatte zwischen den Erdgeschoss-Kindergartengruppen keinen Platz mehr, die Organisation muss in einer kleinen Wohnung zwei Stockwerke höher stattfinden.

Früher haben die Großeltern die Kinder mit aufgezogen, die Eltern konnten sie jederzeit um Rat fragen. Jetzt leben sie nicht mehr zusammen - daher brauchen Eltern Rat von Gleichgesinnten und gegenseitige Hilfe."

Auch für die Elternarbeit musste ein eigener Raum gemietet werden, ein paar Straßenecken weiter, passenderweise auf dem Weg zwischen Kindergarten und Kirche. Zunächst, seit 2011, fanden dort Workshops für Eltern statt. Aus dem Kurs „Alles im Griff“ in Kooperation mit der Familienbildungsstätte „Zoff & Harmonie“ schließlich mit Themen wie Ernährung, Familienfinanzen, Erziehung hatte sich das Elternfrühstück als Herzstück der Familienarbeit des Kindergartens herausgebildet.

Zunächst organisierten Eltern es gemeinsam mit dem Kindergarten und anderen Ehrenamtlichen im Viertel, inzwischen kümmert sich Sabine Lipka, Angestellte des Kindergartens, als Hauptorganisatorin um den Fortbestand – ebenfalls in enger Zusammenarbeit mit Eltern und Ehrenamtlichen. „Ohne diese feste Unterstützung würde so ein Projekt nicht funktionieren“, sagt Lipka.

Osterbrot von der griechischen Großmutter

Hier bringt jeder ein, was er kann – und damit ist nicht nur Kuchenbacken gemeint: Eine Ehrenamtliche bereitet seit 7.15 Uhr das Frühstück vor, ab und zu spricht eine Krankenschwester über Ernährung; eine andere Mutter über Sprachförderung. Eine Näherin sorgt dafür, dass sich alle Eltern ein eigenes Kostüm für den Eltern-Kind-Fasching im Pfarrheim nähen können. Die griechische Großmutter, deren Enkel längst in die Schule gehen, bringt regelmäßig Osterbrot und Tsatsiki mit. Und alle zusammen gestalten das Mosaik im Eingangsbereich des Kindergartens. „Durch das wöchentliche Treffen ist ein enger Kontakt zwischen der Einrichtung und den Eltern selbstverständlich. Der Kindergarten kennt so die Bedürfnisse der Eltern, und die Eltern wissen, wie sie den Kindergarten unterstützen können“, sagt Steiner-Püschel.

Ohne das Engagement der Leitung dürften derartige Projekte ebenfalls nicht möglich sein. Die Kosten für die Elternarbeit finanziert sich nicht nur aus dem bischöflichen Fonds, das würde nicht reichen. Steiner-Püschel ist ständig im Gespräch etwa mit der Wirtschaft, um finanzielle Unterstützung für ihre Arbeit zu erhalten. Mit viel Erfolg, Pfarrer Andreas Müller nennt sie daher hochachtungsvoll „Lokomotive“, die alles antreibt, was sie nicht so gerne hört.

Der Pfarrer ist dankbar für die Elternarbeit im Viertel: „Es ist wichtig für die Leute in Gostenhof, Lebenshilfe zu bekommen“, sagt er. Der Kindergarten habe einen sozialen Auftrag, der umfangreicher geworden sei als früher: „Früher haben die Großeltern die Kinder mit aufgezogen, die Eltern konnten sie jederzeit um Rat fragen. Jetzt leben sie nicht mehr zusammen – daher brauchen Eltern den Rat von Gleichgesinnten und gegenseitige Hilfe. Die Elternarbeit hier wirkt der Vereinsamung entgegen.“

Das Projekt in Gostenhof wird sich ständig weiterentwickeln, da ist Steiner-Püschel sicher. „Hier wirken so viele engagierte Leute mit, ich bin sehr stolz, wie das hier wächst.“ Als nächstes steht eine Verschönerung der Räume an, eine Künstlern – selbstverständlich aus dem Viertel – wird dafür engagiert werden. Alles andere? Entsteht im Gespräch mit den Eltern, natürlich!

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