Mentoring:Frauen steigen auf

Mit einem Mentoringprogramm will die Kirche mehr Frauen in Top-Jobs bringen
Datum:
Veröffentlicht: 1.12.19
Von:
Silvia Franzus

Mehr Frauen in Führungspositionen, das ist das erklärte Ziel der katholischen Kirche in Deutschland. Damit das nicht nur leere Worte bleiben, hat die Bischofskonferenz mit den Bistümern ein Programm gestartet, mit dem Frauen für Leitungsaufgaben qualifiziert werden. Auch das Erzbistum Bamberg macht mit.

Das Ziel ist in Sichtweite. Mit der richtigen Haltung und Konzentration kann Jacqueline Stößel es schaffen. Die 42-Jährige spannt den Bogen, zieht den Ellenbogen nach hinten, visiert die schwarze Zielscheibe an. Dann saust der Pfeil mit den drei bunten Federn etwa zehn Meter nach vorne und bleibt mittig zwischen den anderen Pfeilen stecken. „Jetzt hat die Haltung gepasst“, stellt die Gemeindereferentin zufrieden fest. Darum geht es heute auch im übertragenen Sinne: Beim Bogenschießen sollen die Teilnehmerinnen erfahren, mit welcher inneren und äußeren Haltung sie ihre Ziele leichter erreichen können. Die 17 Frauen sind Teilnehmerinnen am einjährigen Mentoringprogramm „Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf“ des Hildegardis-Vereins, dessen dritter Jahrgang in Bamberg seinen Abschluss fand. Durch das Programm sollen Frauen auf Führungsaufgaben in der katholischen Kirche vorbereitet werden.

Auch zwei Tandems aus dem Erzbistum Bamberg haben daran teilgenommen. Eines bestand aus Mentorin Michaela Reimann, die bei der kirchlichen Wohnungsbaugesellschaft Joseph-Stiftung für Personal- und Unternehmenskultur zuständig ist, und ihrer Mentee Jacqueline Stößel. Die Mutter von zwei Kindern arbeitet in der Bamberger Diözesanstelle Berufe der Kirche. Durch das Mentoring ist sie ihren eigenen beruflichen Zielen näher gekommen. Anteil daran hat in besonderem Maße die Arbeit im Tandem. Das Mentoring ist zweigleisig aufgebaut: Einerseits treffen sich die Tandems – bestehend aus Mentor und Mentee – in den Bistümern vor Ort mehrmals während der zwölf Monate zu Beratungsgesprächen. Das Tandem soll dem Mentee ermöglichen, von erfahrenen Führungskräften zu lernen und ihnen bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen. Andererseits bieten Seminare in der großen Gruppe Trainings und Impulse zu verschiedenen Themen wie „Kommunikation und Zeitmanagement“, „Leitung und Führung von Teams“ oder „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ an. Dazu gehört auch, welche Haltungen und Werte die Arbeit in Leitungsfunktionen unterstützen. „Mit dem richtigen Wertekodex und der passenden Haltung haben Neid, Missgunst und Statusspiele keinen Raum mehr“, so Stößel. Durch den regelmäßigen Austausch entstand während der Seminare ein Netzwerk mit anderen Frauen und Mentoren, von dem Stößel viel profitieren kann. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so gewinnbringend sein würde für meine Arbeit, aber auch für mich persönlich.“ Stößels Vision im Beruf besteht bereits seit den Anfängen an ihrer jetzigen Arbeitsstelle: Wie kann man Menschen für die Arbeit unter dem vielfältigen Dach der Kirche begeistern und die entsprechenden Stellen zusammenbringen? Eines ihrer ersten Projekte war die Organisation des Infonachmittages für kirchliche Berufe. Damals wurden dort nur geistliche Arbeitsmöglichkeiten, wie Priester, Gemeindereferentin oder Religionslehrer, vorgestellt, wobei immer weniger Interessierte kamen. „Eigentlich müsste man das viel größer machen“, stellte Stößel fest – und handelte. Seither präsentieren sich dort neben den pastoralen auch andere Berufe in der Kirche, wie Erzieher, Altenpfleger oder Freiwilligendienste. Das Interesse bei jungen Menschen wuchs. Immer mehr besuchten den Infonachmittag. „Das hat mich dann gepackt, ich habe gemerkt‚ dass da was geht“, erzählt die Frau mit den kurzen dunklen Haaren.

Mit dem richtigen Wertekodex haben Missgunst und Statusspiele keinen Raum mehr.

Junge Menschen für Kirche zu begeistern, sei eine schwierige Arbeit. Jacqueline Stößel nimmt es als Ansporn: „Ich habe mir gedacht: Aufgeben ist keine Option. Unsere Vielfalt und unsere Größe als Arbeitgeber, die sinnvollen Aufgaben und unser besonderer Auftrag – damit können wir heute bei jungen Leuten punkten. Und dann habe ich mich damit auseinandergesetzt und neue Ansätze gefunden.“ Durch Fortbildungen im Bereich des Berufungscoachings, bei kirchlichen und weltlichen Veranstaltern, sammelte sie viele Erfahrungen. Als Referentin in der Diözesanstelle Berufe der Kirche hilft sie Menschen bei der Entscheidungsfindung für ihren Lebensweg. Auf Ausbildungsmessen, bei Studienbasaren und Infoveranstaltungen an Schulen präsentiert sie diözesanweit mit ihren Kollegen den Arbeitgeber „Kirche“. Das Jahr im Mentoring bot der Gemeindereferentin viel Zeit, um die eigene Arbeit zu reflektieren und das Gehörte in der Praxis zu testen. „Früher dachte ich immer, ich müsste als Leitung in allen erdenklichen Feldern meine Fachlichkeit beweisen.“ Nach dem Religionspädagogik-Studium in Eichstätt arbeitete sie als Gemeindeassistentin und -referentin in Forchheim und Bamberg. Obwohl sie noch Berufsanfängerin war, konnte die Seelsorgerin dort bereits viel über Leitung, Verantwortung und Professionalität lernen. „Ich war Teil eines Teams, in dem ich mich immer voll gefordert und gefördert fühlte“, blickt Stößel zurück, die auch die Besucherpastoral im Bamberger Dom leitet. Durch das Mentoring hat sie erkannt: „Ich muss als Leitung nicht alles selbst können, wissen und machen. Sondern ich brauche ein kompetentes Team, das ich gut führen muss.“

Jetzt hört Stößel mehr zu und setzt ihr Fachwissen dann konzentriert richtig ein. „Ich konnte unheimlich wachsen in dem Jahr“, stellt die gebürtige Steigerwälderin fest. Selbst fiel ihr das gar nicht auf; erst durch anerkennendes Feedback von außen. Im Frühjahr wurde sie zur Sprecherin der Bayerischen Diözesen in den Beirat des Zentrums Berufungspastoral gewählt. Als erster Laie – und als erste Frau. „Die Wahl war eine Motivation für mich. Es hat mich gefreut, dass ich so viel Vertrauen bekommen habe.“ Durch ihre erarbeiteten Kompetenzen und das Mentoring hat sich nun nach über zehn Jahren auch Stößels persönliche Vision erfüllt: Im Rahmen des Mentorings und der dazugehörigen Projektarbeit stieß sie den Prozess der Personalgewinnung im Erzbistum Bamberg neu an und bekam die Leitung dieses großen und wichtigen Projekts übertragen. Ein Zugpferd des Projekts wurde der „Runde Tisch zur Personalgewinnung“. Er vernetzt die verschiedenen Arbeitgeber und Träger im Erzbistum Bamberg, wie Ordinariat, Caritas, Jugendamt oder Joseph-Stiftung, miteinander. Das Ziel: langfristig neue und gute Arbeitskräfte für das Erzbistum anzuwerben. Dabei ist für Stößel die interne Kommunikation besonders wichtig: „Die Kirche muss sich über ihr Selbstverständnis als Arbeitgeber klarwerden. Wir wollen gemeinsam nach innen blicken. Nur so können wir uns stark und authentisch nach außen präsentieren.“ Gerade angesichts der verschiedenen Krisen, die die Kirche aktuell durchmache, müssten auch die vielen positiven Aspekte eines sozialen und familienfreundlichen Arbeitgebers mit vielen Weiterentwicklungsmöglichkeiten im Fokus stehen. Der Frauenanteil in Führungspositionen auf höchster Ebene liegt in den deutschen Bistümern aktuell im Schnitt bei etwa 19 Prozent. Bei weitem noch nicht genug, da war sich die Deutsche Bischofskonferenz im Frühjahr 2019 einig. Bis 2023 soll mindestens ein Drittel der Leitungspositionen in Bistumsverwaltungen mit Frauen besetzt werden – das haben sich die Bischöfe zum Ziel gesetzt. „Ich finde es gut, dass sich die Bischofskonferenz mit dem Mentoring-Programm ein Stück weit dieser Herausforderung stellt“, betont Stößel. Ein erster Schritt ist getan.

Was Erzbischof Ludwig Schick zum Thema "Frauen in kirchlichen Führungspositionen" sagt, lesen Sie hier

Das Programm

„Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf“ ist ein Programm zur Steigerung des Anteils von Frauen in Leitungspositionen in der katholischen Kirche. Es wird vom Hildegardis-Verein in Kooperation mit der Deutschen Bischofskonferenz für die (Erz-)Bistümer durchgeführt und zielt darauf ab, Frauen zu ermutigen, eine Führungsposition innerhalb der katholischen Kirche zu übernehmen. Das Programm will darüber hinaus zu einer geschlechtergerechten Personal- und Organisationsentwicklung beitragen, für den Arbeitsplatz Kirche werben und eine nachhaltige Nachwuchssicherung ermöglichen. Nach der Beendigung des ersten Durchgangs Ende 2017 gab es im zweiten Durchgang gleich zwei weitere Mentoring-Gruppen. Eine weitere Gruppe startete im Sommer 2019 in das Mentoring-Jahr.

www.kirche-im-mentoring.de