"Ich krieg die Krise..."

"Ich krieg die Krise..."
Krisen kennt jeder Mensch, sie sind völlig normal und gehören zum Leben dazu. Aber was tun, wenn sich der berühmte Knoten nicht löst? Wir sprechen mit Ursula Zeh, Diözesanfachreferentin und Leiterin der Psychologischen Beratung bei Ehe- und Partnerschafts-, Familien- und Lebensfragen des Erzbistums Bamberg. Eine Beratungsstelle, die jeder Mensch in Anspruch nehmen kann: ohne ärztliches Attest, kostenfrei, unabhängig von Herkunft, Wohnort, Religion oder Weltanschauung.
Datum:
Veröffentlicht: 7.1.22
Von:
Stefanie Sponsel

Letztlich ist Beratung Hilfe zur Selbsthilfe. Es geht darum, eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entdecken und zu entwickeln, und innerlich zu wachsen. Das hilft, z.B. mit Konflikten und Krisen besser umzugehen, Beziehungen zu verbessern und zufriedener zu leben. So kann Beratung erleichtern und befreien."

Ursula Zeh

Frau Zeh, wer kommt zu Ihnen in die Beratungsstelle?

„Wir sind Anlaufstelle für Erwachsene: Es kommen junge und alte Menschen. Anlass kann ein Problem sein, das ganz klein oder aber unlösbar zu sein scheint – was beides nicht unbedingt stimmen muss, wenn man genauer hinschaut. Oder ein Konflikt, der entweder ganz neu und akut ist oder schon seit Jahrzehnten schwelt. Oder man weiß nicht, wer einem bei seinem Problem helfen kann. Auch dann kann ich nur empfehlen, sich an uns zu wenden, denn dann kann man gemeinsam überlegen, wo man die passende Hilfe bekommt. Sich in einer Beratungsstelle Hilfe zu holen, ist ein Zeichen von Stärke und Mut: Es ist mutig zu zeigen, dass die eigenen Lösungsversuche nicht erfolgreich sind. Es ist mutig, sich professionellen Beraterinnen oder Beratern anzuvertrauen, sich mit den eigenen Problemen und Schwächen zu zeigen, Neues zu lernen, Anderes auszuprobieren.“

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Wir Beratungsfachkräfte verstehen uns als Wegbegleiter auf einem Stück des Lebenswegs der Ratsuchenden. Wir versuchen, an Abgründen Halt zu geben und aufzuzeigen, wie man in Zukunft schwierigere Passagen selbst bewältigen kann."

Ursula Zeh

Wie können Sie Menschen helfen? Oder besser gefragt: Hilft Beratung?

„Beratung hilft, wenn man bereit ist, über sich selbst nachzudenken und selbst etwas zu tun, vielleicht sogar etwas an sich selbst zu verändern. Dann kann man mehr Klarheit über die eigene Lebenssituation gewinnen. Man findet heraus, was man selbst braucht und welche Lösungen zu einem selbst und der eigenen Situation passen. Dann kann man in der Beratung lernen, besser zu kommunizieren und Konflikte konstruktiv zu bewältigen, und besser mit Ängsten, Verlust und Trauer umzugehen. Und schließlich kann sie helfen, sich mit sich, mit seinem Schicksal oder mit anderen Menschen zu versöhnen. Beratung hilft allerdings eher nicht, wenn man Ratschläge erwartet, was man tun oder lassen soll. Schließlich kann die Beraterin ja nicht wissen, was für das Leben der Ratsuchenden gut ist. Der Berater kann auch Menschen, die nicht bei der Beratung dabei sind – etwa die Partnerin, den Chef, die Nachbarn – nicht so verändern, wie man sie als Ratsuchende gerne hätte. Bei solchen Erwartungen funktioniert Beratung tatsächlich nicht.“

Was war Ihre schönste Erfahrung in der Beratungstätigkeit?

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Für mich gibt es fast in jedem Beratungsprozess eine schönste Erfahrung: Wenn Ratsuchende in einer für sie schwierigen Situation einen neuen Weg für sich entdecken, wenn es sich abzeichnet, dass eine Lebenskrise durch einen Perspektivenwechsel zu einer neuen Chance im Leben wird – und ich ein kleines Stück dazu beitragen konnte.

Petra Heckel

Wie halten Sie es als Beraterin aus, ständig mit so vielen Problemen konfrontiert zu sein?

Krise Stupka

Mein Vertrauen in die Stärken und Möglichkeiten von Menschen hilft mir sehr. Und wenn es gelingt, etwas Druck rauszunehmen, finde ich es nicht mehr so belastend, sondern habe Freude am gemeinsamen Suchen nach neuen Ideen. Außerdem ist Mitgefühl zu geben etwas Schönes für mich, was sich auch nicht erschöpft.

Tanja Stupka

Was macht Ihnen Freude an der Arbeit als Berater?

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Es macht mir Freude, wenn Menschen den Mut aufbringen, sich zu einem ersten Gespräch anzumelden; besonders für Männer heißt das, sich ihre Hilfsbedürftigkeit einzugestehen und ihre Scham darüber zu überwinden. Und dass in den EFL-Stellen Kirche als ein Ort erlebt werden kann, wo Menschen in ihrer Not gehört werden und mit ihnen zusammen kreative Ideen und Strategien entwickelt werden für hilfreiche und konkrete nächste Schritte.

Alfons Staudt