Politik & Glaube: Christfluencer im Interview:Katholische Follower in der Politik

Ob im Ortsverein, im Rathaus oder im Bundeskanzleramt, christliche Politikerinnen und Politiker gibt es auf allen Ebenen und in allen Parteien. Wir sprachen mit drei von ihnen aus der Region, die sich in den sozialen Netzen zu Glauben und Kirche bekannt haben: Dorothee Bär, Jonas Glüsenkamp und Thomas Pregl.
Datum:
Veröffentlicht: 1.6.21
Von:
Harry Luck

#meinekirche

Sie haben sich auf Social Media zu Ihrem Glauben und zur katholischen Kirche bekannt. Wie waren die Reaktionen darauf?

Glüsenkamp Es gab einige Reaktionen, mit denen ich mich konkret auseinandergesetzt habe, wie meine Kritik an der Weigerung, homosexuelle Paare zu segnen. Es gab dazu viel Zustimmung. Einige konnten sich aber nicht erklären, warum ich überhaupt noch Katholik bin.

Pregl Dass man sich zu seinem christlichen Glauben auf Facebook bekennt, ist heutzutage fast exotisch. Für mich ist dieses Bekenntnis aber gerade in ethischen Grundfragen und in Fragen des menschlichen Zusammenlebens sehr wichtig. Reaktionen, auch parteiintern, auf mein „Glaubensbekenntnis“ sind selten. Ich würde mir da mehr Disput wünschen. Vielen Menschen sind Kirche und Glaube einfach egal geworden.

Bär Die Reaktionen waren und sind gemischt und das finde ich auch genau richtig. Der Glaube ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Konkret auf das Posting bezogen waren sie sehr positiv, besonders auch von Menschen, denen der Glaube sehr wichtig ist.

Sie stehen in der Öffentlichkeit und Ihre Meinung wird gehört. Finden Sie es wichtig, „Christfluencer“ zu sein oder sehen Sie sich eher als „Follower“ der katholischen Kirche?

Pregl Ich bin ein Follower, der gerne auch mal nicht folgt. Das fängt mit immer wieder aufkommenden Glaubenszweifeln an und endet oft mit einer abgrundtiefen Verzweiflung wegen der Missstände in meiner Kirche. Das Wort „Christfluencer“ ist zwar ein gekonntes Wortspiel, aber es gefällt mir nicht. Es birgt jede Menge Dogmatismus und Mission in sich. Wenn ich mich zu christlichen Werten bekenne, dann will ich eher anregen.

Bär Ich stand meiner Kirche schon als Jugendliche nicht nur als „Followerin“ zur Verfügung. Ich war sehr enttäuscht, als mir unser Pfarrer damals mitteilte, dass ich als Mädchen nicht ministrieren dürfe. Ich bin damit bis zum Würzburger Bischof gegangen, leider ohne Erfolg. In der Nachbargemeinde durften Mädchen ministrieren. Aber nur, weil da zu wenige Jungs vor Ort waren. Mir ist es schon sehr wichtig, dass meine Kirche nicht den Anschluss an die Menschen des 21. Jahrhunderts verliert.

Welche Rolle spielt der Glaube für Ihre politische Arbeit?

Glüsenkamp Der eigene Glaube sollte meines Erachtens nie die Begründung für politische Entscheidungen sein. Es geht um etwas anderes: ein festes Wertefundament und die Überzeugung, dass wir nicht nur uns selbst, sondern auch unserem Nächsten und der Schöpfung verpflichtet sind. Diese Überzeugung kann ein Antrieb sein, sich überhaupt politisch zu engagieren.

Pregl In der Ortspolitik geht es um pragmatische Fragen. Da ist der liebe Herrgott nicht mein bevorzugter Koalitionspartner. Anders sieht das schon aus, wenn meine politischen Grundüberzeugungen eine Schnittmenge mit meinem Glauben haben – Erhaltung der Schöpfung, klare Positionierung gegen rechtsradikale Hetze und Ausgrenzung von Menschen sowie der Einsatz für die Schwächeren in unserer Gesellschaft. Wenn man dann in mir nicht nur den Sozialdemokraten, sondern auch den Christen erkennt, umso besser.

Bär Mein Glaube und unsere Kinder geben mir die notwendige Gelassenheit in meiner politischen Arbeit. Aber insgesamt unsere wunderbare, sehr große und laute und vor allem lustige Familie. Meiner Meinung nach sollten jede Politikerin und jeder Politiker eine solche Erdung haben. So lässt sich mancher Ärger schneller verdauen und die meisten Entscheidungen lassen sich mit einem kühlen Kopf treffen. Auf Twitter bete ich manchmal bei @twomplet mit: Ab 21 Uhr treffen sich Twitternutzer zum Beten.

Digitalisierung und Kirche. Passt das zusammen? Würde Jesus heute twittern?

Glüsenkamp Jesus hat stets den direkten Kontakt zu den Menschen gesucht. Alle, die Jesus folgen wollen, sollten an den Rand der Gesellschaft gehen. Dorthin, wo die digitalen Scheinwerfer eben nicht sind. Ich denke, dass viele Menschen sich Nähe und Ansprache jenseits der oft zugespitzten Debatten im Internet wünschen. Digitale Formate können deshalb immer nur ein erster Schritt sein, auf einzelne Menschen gezielt zuzugehen.

Pregl Gerade die Bergpredigt würde sich wegen ihrer markanten und knappen Aussagen für Twitter bestens eignen. Jesus würde das nutzen. Schwierig bis ungeeignet wären die Geschichten und Gleichnisse des Neuen Testaments für die Sozialen Medien. Da sehe ich Jesus eher bei Markus Lanz. Auch Kirche ist im Wandel. Kirche muss sich digitalisieren, wenn sie nicht untergehen will. Aber sie muss sich öffnen und dabei zu ihren Wurzeln zurückfinden.

Bär Sicherlich würde Jesus heute twittern. Er hat ja damals alle Möglichkeiten genutzt, um seine Botschaft den Menschen zu verkünden und binnen kurzer Zeit eine große "Followerschaft" generiert. Das Bistum ist ja bereits auf allen sozialen Medien sehr gut vertreten. Ich selbst bin ein großer Fan von Podcasts. Allerdings finde ich es wichtig, Kanäle zu bespielen, die zu einem passen. Deswegen lohnt sich bei TikTok oder Instagram die Zusammenarbeit mit der jungen Generation.

Sie äußern in Ihren Postings Zweifel, aber wirken nicht verzweifelt. Warum bleiben Sie katholisch auch in Zeiten, in denen die Kirche sehr in der Kritik steht?

Pregl Nur wer sich engagiert, wer eine Haltung hat, kann auch etwas verändern. Und wenn ich dann sehe, wie ein leider im vergangenen Jahr verstorbener Bekannter die Caritas-Flüchtlingshilfe im Ruhrpott aufgebaut und sie mit Leben und Engagement gefüllt hat, dann weiß ich, dass ich noch im richtigen Verein bin. Viele solcher Einzelbeispiele stärken meinen Glauben – trotz der vielfach auch berechtigten Kritik an Kirche. Vielleicht ist das ein bisschen so wie bei meinem Lieblingsverein, den „Krefeld Pinguine“. Wer sich einmal für die Farben entschieden hat, der lebt, liebt und leidet sie ein Leben lang.

Glüsenkamp Das Kirchenläuten mit meiner Oma, die Küsterin war, das Abendgebet mit dem Kreuzzeichen auf der Stirn, die Musik, die Erfahrungen in der kirchlichen Jugendarbeit, das Gebet in Zeiten, in denen es mir nicht gut ging: Das ist alles ganz tief in mir drin. Und es lässt sich für mich nicht aufkündigen wie eine Vereinsmitgliedschaft. Dies allerdings heute vor meinem sozialen Umfeld zu erklären und zu rechtfertigen, fällt mir immer schwerer. Viele schauen mich leider mit Unverständnis und offenen Augen an, als würde ich ihnen von einem fremden Planeten erzählen.

Bär Ich bin schon immer der Meinung, dass man mehr Veränderungen von innen heraus bewirken kann, als von außen Kritik zu äußern. Zudem gehört mein Glaube für mich von klein auf zu meinem Leben, wie wir es jetzt auch unseren Kindern weitergeben. Die Kirche ist fester Teil davon. Sowohl die katholische von meiner Seite, als auch die evangelische, die mein Mann einbringt.

Was wünschen Sie sich von Ihrer Kirche, damit Sie auch künftig den Hashtag #katholischekirche #meinekirche verwenden können?

Glüsenkamp In vielen Erdteilen gibt es weiter einen Trend hin zum Glauben und zur Kirche. In Europa hingegen verliert die Kirche gerade eine Generation. Das wird aus meiner Sicht auch nicht mehr aufzuholen sein. Diejenigen, die sich weiter auf den Glauben beziehen, sollten den Blick auf die Menschen am Rand werfen, damit #meineKirche auch #meineKirche bleiben kann.

Pregl Rolling Stones! Steine, die man nicht bewegt, bewegen nichts.

Bär Wie auch in der Politik ist es meiner Meinung nach auch in der Kirche wichtig, immer wieder das Ohr ganz nah an der Basis zu haben. Die Menschen leben ihren Glauben tagtäglich, davon lebt unsere Kirche. Bewegungen wie Maria 2.0 sollten nicht abgetan werden. Gerade in der Pandemie hätte ich mir manchmal noch mehr Halt und Engagement gewünscht. Aber besonders vor Ort gab es auch wundervolle Beispiele. Die Kindermette unter freiem Himmel mit echtem Ochs und Esel gehören sicherlich zu den unvergesslichen Erlebnissen. Da mir die Hoffnung nie ausgeht, vertraue ich auf eine umso schönere Rückkehr aller Traditionen.

Jonas Glüsenkamp

Jonas Glüsenkamp (33) wurde in Osnabrück geboren und besuchte dort ein katholisches Gymnasium. In Bamberg studierte er Volkswirtschaftslehre. Bis zur Wahl zum Zweiten Bürgermeister von Bamberg 2020 arbeitete er für die Naturstrom AG in Eggolsheim.

Partei: GRÜNE

Instagram: greenbamberg / Facebook: JonasGluesenkamp

Dorothee Bär

Die gebürtige Bambergerin Dorothee Bär (43) ist seit 2002 Bundestagsabgeordnete und heute im Bundeskanzleramt als Staatsministerin für Digitales zuständig. Sie ist mit dem Hofer Landrat Oliver Bär verheiratet und hat drei Kinder.

Partei: CSU

Instagram: dorobaer / Facebook: DorotheeBaerMdB

Thomas Pregl

Thomas Pregl (64) besuchte am Niederrhein ein Klostergymnasium und studierte katholische Theologie. Heute unterrichtet er an einer Coburger Schule auch Religion. Er ist zudem Journalist und Buchautor und Vorsitzender der SPD in Ellertal.

Partei: SPD

Facebook: Thomas Pregl