Schutzkonzept:Kultur der Achtsamkeit

Wie die Kirche Missbrauch verhindern und Kinder schützen will
Datum:
Veröffentlicht: 1.6.19
Von:
Hendrik Steffens

Wer über Kirche spricht, der spricht in dieser Zeit häufig über sexuellen Missbrauch. Auch im Erzbistum Bamberg gab es Fälle, das hat im letzten Jahr die bundesweite Missbrauchsstudie zu Tage gebracht. „Die Kirche steht in der Pflicht, solches Leid in Zukunft zu verhindern“, betonte Generalvikar Georg Kestel mit Blick auf die 88 Opfer, die bei der Studie festzustellen waren in den 1.711 Personalakten des Erzbistums Bamberg aus den Jahren 1946 bis 2015. Ein umfassendes Präventionsprogramm, zu dem alle kirchlichen Mitarbeitenden im Kinder- und Jugendbereich verpflichtet werden, soll dazu beitragen. Ziel ist eine Kultur der Achtsamkeit.

Ortstermin in Bayreuth. Die Erzieherinnen des Kinderhauses St. Vinzenz lernen, Anzeichen für Missbrauch zu erkennen, Verdachtsfällen nachzugehen und Kontaktstellen zu informieren. Denn Missbrauch kommt oft viel zu spät ans Licht. Manchmal erst Jahre nach den Taten, oft sind die Beschuldigten schon verstorben. Dabei zeigen die jungen Opfer oft Anzeichen, die es zu erkennen gilt.

Ein Rollenspiel soll die Erzieherinnen des Kinderhauses St. Vinzenz sensibilisieren. Julia Pöhnlein, 28, nimmt die Rolle der fünfjährigen Vorschülerin Jennifer ein, die von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht wurde: Sie hat ihm versprochen, das dunkle Geheimnis zu wahren. Um ihre Mama zu schützen, verschweigt sie ihr Leid. Erzieherin Frau Kreuzer, gespielt von Annalena Hofmann, 27, ist aufgefallen, dass Jennifer sich seit Wochen zurückzieht: Ohne Druck zu verursachen, gibt sie dem Kind die Möglichkeit, sein Bauchwehgeheimnis mitzuteilen. Dabei helfen Fragetechniken, die sie beim Workshop zur Prävention sexueller Gewalt gelernt hat. „Aktives Zuhören steht im Vordergrund. Wir vermeiden Warum-Fragen und halten uns mit vorschnellen Annahmen zurück“, sagt Annalena Hofmann. So kann sie Vertrauen zu dem Kind aufbauen und – nach und nach – auch eine bedrückende Wahrheit ans Licht bringen.

So wie es überall ein Brandschutzkonzept gibt, etablieren wir ein Konzept zum Schutz vor Missbrauch.“

-Monika Rudolf

„Es geht darum, das Verhalten von Kindern zu deuten und in ihre Gefühlswelt einzutauchen. Die Erzieherinnen sollen möglichst konkret auf eine Situation vorbereitet werden, in der Verdacht besteht“, sagt Diplompädagogin Rebekka Dalmer. Die Mitarbeiterin der Bayreuther Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt, „Avalon“, ist Teil des Referententeams, das im Auftrag des Erzbistums Bamberg Mitarbeiter schult. Dalmer definiert klare Ziele: „Am Ende des Workshops sollen die Teilnehmenden ein Gefühl dafür haben, wo Missbrauch beginnt und wie man Hinweise deutet.“ Sie lernen, einem Verdacht nachzugehen, ohne das Kind unter Druck zu setzen oder verdächtige Erwachsene überstürzt zu beschuldigen. „Wir wollen die Ohnmacht, die eine Verdachtssituation bei allen Beteiligten auslösen kann, durch professionelles Verhalten ersetzen“, sagt Dalmer. All das ist Teil eines viel umfassenderen Präventionsprojekts im Erzbistum Bamberg.

„So wie es überall ein Brandschutzkonzept gibt, etablieren wir ein Konzept zum Schutz vor Missbrauch“, sagt Monika Rudolf. Seit 2013 arbeitet die 36-Jährige als Präventionsbeauftragte des Erzbischöflichen Ordinariats. Die Leiterin der Koordinierungsstelle zur Prävention sexueller Gewalt will potenziellen Täterinnen und Tätern das Leben schwermachen. „Ich bin mit kirchlicher Jugendarbeit aufgewachsen und habe sehr gute Erinnerungen daran. Deshalb möchte ich, dass auch alle anderen Kinder und Jugendlichen Kirche als einen Ort erleben können, an dem sie sich geborgen fühlen und Freude haben“, sagt Rudolf. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es zuallererst Sensibilisierung: „Unsere Mitarbeitenden müssen erkennen, was für Situationen problematisch sein können, und wissen, wie sie mit Verdachtsfällen umgehen“, sagt Rudolf.
 

Alle Mitarbeitenden werden dem Thema Prävention begegnen.“

-Magdalene Oppelt

Um in allen Bereichen kirchlichen Wirkens höchste Standards zu realisieren, hat die Präventionsstelle um Monika Rudolf ein Institutionelles Schutzkonzept erarbeitet, das im Herbst an alle kirchlichen Einrichtungen und Seelsorgebereiche versandt wird. „Das ist ein umfassender Plan zur Vorbeugung gegen Grenzverletzungen, Übergriffigkeiten und sexualisierte Gewalt“, sagt Magdalene Oppelt, die eine der Urheberinnen des Konzepts ist. Anhand eines Schaubilds zeigt sie die einzelnen Bausteine: Von der Personalauswahl und -Entwicklung über die Aus- und Fortbildung hin zur Information über Beratungs- und Beschwerdewege. „Alle Mitarbeitenden werden dem Thema Prävention begegnen und es so verinnerlichen“, sagt Oppelt. Weitere Bausteine sind unter den Begriffen Qualitätsmanagement, Intervention und nachhaltiger Aufarbeitung sowie einem verpflichtenden Verhaltenskodex summiert. Für jede Einrichtung soll eine individuelle Analyse zu Risikoräumen und Gefährdungssituationen erstellt werden. Innerhalb von drei Jahren müssen die Schutzkonzepte der Einrichtungen fertig sein und von Experten abgenommen werden. Ziel sei eine „Kultur der Achtsamkeit“, so Magdalene Oppelt von der Koordinierungsstelle. Die Koordinierungsstelle unterstützt bei der Erstellung der Schutzkonzepte.

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Im Erzbistum Bamberg gilt die „Rahmenordnung zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und erwachsenen Schutzbefohlenen“, die 2013 von der Deutschen Bischofskonferenz verabschiedet worden ist. Seitdem finden im Bistum jährlich etwa 50 Präventions-Veranstaltungen statt, um Mitarbeitende über sexualisierte Gewalt zu informieren und zu befähigen, sexualisierte Gewalt zu verhindern. Mitarbeitende, die Kontakt mit Kindern und Jugendlichen haben, sind verpflichtet, an einer Fortbildung teilzunehmen.

Für Opfer und Betroffene sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Bamberg stehen Ansprechpartner zur Verfügung. Sie haben die Aufgabe, Vorwürfe sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener nachzugehen und entsprechende juristische und gegebenenfalls psychologische Maßnahmen einzuleiten. Die Rechtsanwältin Eva Hastenteufel-Knörr ist unabhängige Beauftragte der Erzdiözese Bamberg für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener durch Geistliche, Ordensangehörige und kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hastenteufel-Knörr ist vor allem als Koordinatorin zwischen Opfern, Justiz und Erzbistum Bamberg tätig sowie als Beraterin für alle, die Hinweise auf einen möglichen Missbrauch erhalten haben und diesen an sie weitermelden.

Zusammenarbeit mit der Justiz

Das Erzbistum Bamberg arbeitet bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen mit den Justizbehörden eng zusammen. Jeder Verdachtsfall wird sofort bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht. Alle Akten aus der Missbrauchsstudie zu noch lebenden Personen, in denen Verdachtsmomente aufgetreten sind, wurden der Staatsanwaltschaft zur Überprüfung übergeben. Es handelt sich dabei um 14 Fälle. Erzbischof Ludwig Schick, der auch Kirchenrechtler ist, ist von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragt, ein System für eine kirchliche Gerichtsbarkeit zu entwickeln, damit Missbrauchstäter auch nach kirchlichem Recht angemessen bestraft werden können. „An erster Stelle steht aber immer die weltliche Justiz“, betont Schick.

Beauftragte und Koordinatorin

Eva Hastenteufel-Knörr
Rechtsanwältin und Fachanwältin für Familienrecht
Ringstraße 31
96117 Memmelsdorf

Telefon: 0951 / 40 73 55 25
E-Mail: kanzlei-hastenteufel@t-online.de

Präventionsbeauftragte

Monika Rudolf
Kleberstraße 28
96047 Bamberg

Telefon: 0951 / 86 88 - 62 oder 0951 / 502 - 1640
Fax: 0951 / 86 88 - 96
Mail: monika.rudolf@erzbistum-bamberg.de