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Einen Tag "nichts müssen müssen":Mal eine Auszeit gönnen

Bergzeit
Wie eine Ordensschwester und ein Theologieprofessor bei der „Berg-Zeit“ Menschen zum Innehalten bringen
Datum:
Veröffentlicht: 1.12.16
Von:
Hendrik Steffens

Wer viel leistet, muss auch mal runterkommen. Kurz Kraft tanken in der Besinnung auf ein Gefühl, eine Erinnerung, einen Vers. „Verglichen mit einem Tag sind zehn Minuten Besinnung wenig. Aber für unser Wohlbefinden können sie viel ausmachen“, sagt Schwester Christina und weist auf das Rad, das an dem Nachbarstuhl lehnt. Es steht für einen Kreislauf aus Stress und Termindruck, aus dem jeder hin und wieder ausbrechen sollte.

Die Franziskusschwester ist Bildungsreferentin und Dozentin der „Berg-Zeit“. Der Kurs der Bildungshäuser Vierzehnheiligen hat zum Ziel, die Aneinanderreihung von Aufs und Abs im Leben für einen ganzen Tag zu unterbrechen. „Mal nichts müssen müssen. Eine Auszeit nehmen und sich an den gedeckten Tisch setzen“, sagt Schwester Christina. Dabei könne man lernen, ein bisschen mehr auf sich selbst zu hören. Und auf Gott.

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Inneren Stimmen auch mal zuhören

18 Männer und Frauen sitzen im Stuhlkreis in Seminarraum 4 mit Blick über den Bad Staffelsteiner Gottesgarten. In der Mitte brennt eine Kerze, auf der symbolisch der Berg Vierzehnheiligen abgebildet ist. Elmar Koziel, der zweite Dozent der „Berg-Zeit“ und geistliche Rektor der Bildungshäuser Vierzehnheiligen, liest eine an die Wand projizierte Bibelstelle vor. Sie handelt von Samuel, einem Priester-Anwärter, der von Gott angesprochen wird. „Wie würden Sie reagieren?“, fragt Koziel und lächelt. Der habilitierte Theologe spielt auf die Skepsis an, die Samuel hat und die wohl jeder Mensch hätte, wenn er Stimmen hören würde. Dennoch solle man nachdenken: „Haben Sie – vielleicht nur als inneren Gedanken oder im Nachhinein – das Gefühl, dass Gott Ihnen schon mal etwas sagen wollte?“, fragt Koziel. Er relativiert: „… das Leben oder ein Ereignis Ihnen etwas sagen wollte?“.

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Im Nachgang reflektieren die Teilnehmer. „Ich wäre mal fast nachts mit dem Auto in den Main gefahren“, erinnert sich eine Frau. Irgendetwas habe sie im letzten Moment zur Vollbremsung veranlasst. Ein anderer berichtet von der Krankheit und dem Tod eines Angehörigen, bei der die Vergänglichkeit so greifbar geworden sei. „Das war wie ein Wachrütteln.“

Koziel fügt an, man solle „sich zwischendurch immer wieder mal fragen“, ob Gott – oder das Leben – etwas mitzuteilen hat. Das gebe Ruhe, Halt und mehr Leben in den Alltag. Bewusst sind die Begriffe, die Koziel und Schwester Christina verwenden, nicht übermäßig theologisch aufgeladen. „Berg-Zeit“ ist keine Veranstaltung für Fromme. Jeder soll sich angesprochen fühlen, das Innehalten zu lernen. Das gilt für Alter, Geschlecht, Konfession.

Heinz Flade aus Münchberg im Kreis Hof ist zum vierten Mal dabei, weil er die frischen Gedanken schätzt. „Die Meinungen und Impulse der Menschen aus meiner Pfarrei kenne ich. Von denen, die ich hier treffe, nehme ich neue Akzente und Sichtweisen mit“, sagt der Ruheständler. Auch genieße er es, einen Tag zur Ruhe zu kommen. Bibelfest sein müsse man nicht. „Niemand fragt, ob man getauft ist, viel betet oder wöchentlich in die Kirche geht. Man sollte nur offen sein.“

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