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Von Schleiern und Zitronensaft:Mit Gott auf dem richtigen Weg

Von Zitronensaftbriefen, Schleiern im Wind und der richtigen Definition von Gehorsam
Datum:
Veröffentlicht: 1.6.19
Von:
Karl Lober

Schwester Magdalena hat sich für ein Leben im Orden Congregatio Jesu entschieden. Und obwohl die 37-Jährige keine geistliche Tracht tragen müsste, trifft man sie nicht ohne Schleier an. Ihr ungewöhnlicher Lebensweg ist inspiriert von Ordensgründerin Maria Ward, die schon vor 400 Jahren für Frauenrechte kämpfte. Ein Gespräch über Sendung und die kurvenreiche Suche nach dem Platz im Leben.

Einmal Priesterin zu werden, würde die Nürnberger Stadtjugendseelsorgerin nicht reizen. Schwester Magdalena schüttelt den Kopf und lächelt. „Ich habe nie diese Berufung verspürt, Priesterin zu sein. In der ganzen Debatte geht es immer so viel um Macht. Macht interessiert mich nicht.“ Nur manchmal tue es ihr leid, dass sie in bestimmten Situationen die Sakramente nicht spenden kann: Nach einem intensiven seelsorgerischen Gespräch über die Probleme im Leben etwa nicht die Lossprechung anbieten zu können. „Es geht mir dabei um die Menschen, denen das Sakrament in dieser Situation sicher gut tun würde. Nicht um mich“, sagt die Schwester aus dem Orden Congregatio Jesu.

Auch Ordensgründerin Maria Ward ging es nie um sich selbst, nie um Ruhm oder Anerkennung. Sie wollte Jesus folgen und den Menschen helfen. Im 16. Jahrhundert war das für eine Frau aber kaum möglich. Neben Ehe und Familie war die einzige Option für Frauen ein von der Gesellschaft abgeschiedenes Leben im Kloster. Maria Ward wollte dagegen einen Orden nach dem Vorbild der Jesuiten schaffen – nur eben für Frauen. Schnell fand die gebürtige Engländerin Mitstreiterinnen, die in ganz Europa spezielle Schulen für Mädchen aufbauten. Bei manchen Fürsten kamen die Bildungseinrichtungen ziemlich gut an, den Entscheidern im Vatikan war das mutige Handeln der Frauen zunehmend ein Dorn im Auge. Maria Ward wurde schließlich sogar als Ketzerin angeklagt und inhaftiert. Schwester Magdalena wusste wenig über Maria Ward als sie in den Orden eintrat. „Die Spiritualität von Ignatius von Loyola spricht mich sehr an. Das hat mich letztlich in den Orden geführt.“ Nach dem Abitur war sie sich nicht wirklich sicher, was sie werden wollte. Eine Freundin begann, in Bamberg Theologie zu studieren, da schrieb sie sich ebenfalls ein. „Direkt im ersten Semester habe ich gemerkt, dass das genau mein Ding ist“, sagt sie. Schließlich kam ihr der Gedanke, vielleicht Ordensschwester zu werden. Sie informierte sich und verbrachte schließlich eine Nacht bei den Maria-Ward-Schwestern in Bamberg. „Ich konnte erst gar nicht sagen, was es war. Aber das hat mich einfach umgehauen.“ Nach dem Studium trat sie in den Orden ein und lernte auch immer mehr über Maria Ward.

In der Haft schrieb die Ordensgründerin auf das Papier, in dem ihre Wäsche eingeschlagen wurde, mit Zitronensaft Briefe an ihre Mitstreiterinnen. Über der Flamme einer Kerze wurde die unsichtbare Tinte dann sichtbar. Die Zitronensaftbriefe sind eins der bedeutendsten Zeugnisse der Ordensgründerin. Die Schwestern haben sie jahrhundertelang im Geheimen aufbewahrt und den Inhalt nur an Eingeweihte weitergegeben. Nach neun Wochen endete der Prozess in Rom mit einem Freispruch für Maria Ward, ihr Orden aber wurde verboten. Erst 50 Jahre nach ihrem Tod erkannte der Papst die Schwestern 1703 an. Den Namen ihrer Gründerin durften die Schwestern aber über 200 Jahre nicht öffentlich erwähnen. Die Menschen kannten sie einfach als englische Fräulein. „Viele Schwestern wussten nicht mal selbst, dass sie Maria-Ward-Schwestern waren“, sagt Schwester Magdalena. „Das Wissen wurde von einem kleinen Kreis bewahrt.“ Und überdauerte so Jahrhunderte. Erst vor wenigen Jahren wurden die Schwestern offiziell als das anerkannt, was Maria Ward bereits im 17. Jahrhundert im Sinn hatte: als weibliche Form der Jesuiten. Seitdem 2004 endlich die Ordensregeln, die bereits die Gründerin 400 Jahre vorher aufstellen wollte, vom Papst genehmigt wurden, nennen sie sich Congregatio Jesu.

Gehorsam sein heißt auch, Vorgesetzte auf Fehler hinzuweisen.“

Die ersten beiden Jahre für eine neue Schwester im Orden bildet das Noviziat. Bei der Congregatio Jesu gehören dazu auch sechs sogenannte Experimente. Für jeweils ein bis zwei Monate lernen die Novizinnen in einer Art Praktikum verschiedene Bereiche kennen. Schwester Magdalena arbeitete beispielsweise in einem Altenheim, mit Behinderten, mit drogenabhängigen Jugendlichen oder in der Abteilung Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz. „Das war eine unglaublich intensive Zeit“, erinnert sie sich. „Danach konnte ich mir alles mögliche vorstellen. Nur eins nicht: die Ausbildung zur Pastoralreferentin zu machen. Ich hatte gerade so viel Neues kennengelernt und wollte unbedingt weiter Neues lernen und nicht das machen, was ich mir schon im Studium überlegt hatte.“ Ihre Provinzoberin sah das allerdings anders, sie schickte ihre Mitschwester nach Bad Homburg im Speckgürtel von Frankfurt, um dort ihre Ausbildung zu machen. Magdalena war zunächst gar nicht begeistert: „Ich war enttäuscht. Aber ich gehorchte.“ Sie ließ sich darauf ein, auch weil sie wusste wie Ignatius von Loyola Gehorsam definiert.

Der Gründer der Jesuiten soll einmal einen seiner Schüler geschimpft haben, weil der genau das tat, was ihm aufgetragen worden war. Er habe doch merken müssen, dass das nicht funktioniere. „Gehorsam sein heißt bei uns eben auch, die Vorgesetzten auf alles hinzuweisen, also auch darauf, wenn sie einen Fehler machen. Und da im Zweifel auch keine Ruhe zu geben.“ Die Idee ist heute bei vielen erfolgreichen Firmen und in manchem Manager-Ratgeber sehr beliebt: Ein Unternehmen kann nämlich nur dann innovativ und am Markt erfolgreich sein, wenn Fehler erkannt und verhindert werden. Das gelingt aber nur in flachen Hierarchien, in denen auch Vorgesetzte sich kritisch hinterfragen und auch mal von Fehlern abhalten lassen. Dafür sind die Beschäftigten dann auch loyal. So wie Schwester Magdalena. Sie ließ sich auf ihre erste Stelle ein. Nach der Ausbildung ging sie als Pastoralreferentin in eine Frankfurter Pfarrei.

Allmählich merkte sie, dass ihre Provinzoberin noch in einem anderen Punkt recht hatte, dass Schwester Magdalena nämlich wie geschaffen für die Jugendarbeit ist. „Ich dachte eigentlich immer, dass das überhaupt nicht meinem Charisma entspricht“, sagt sie. „Konkrete Erfahrungen haben mich aber eines besseren belehrt. Es gibt immer weniger, die wirklich Jugendarbeit machen wollen“, sagt sie. „Aber auch junge Menschen brauchen Glaube, Gott und Kirche. Deshalb bin ich letztlich dahin gegangen, wo Gott mich braucht, auch wenn ich dort erst gar nicht sein wollte.“ Nach einer Station in Mainz bewarb sie sich auf die Stelle der Stadtjugendseelsorgerin in Nürnberg. Sie lacht viel und ihre Augen strahlen, wenn sie von ihrer Arbeit in Frankens Metropole erzählt. Inzwischen übernachten auch bei ihr regelmäßig junge Frauen, die eine Auszeit brauchen, um zu sich zu kommen oder sich einfach in Ruhe aufs Abitur vorzubereiten. Dann steigt Schwester Magdalena aufs Rad und fährt der Sonne entgegen. Ihr Schleier weht im Wind. Sie müsste keine Tracht tragen. Sie tut es freiwillig. Jeder soll sehen, dass ihr Leben ganz Gott gehört.

Von Andreas Kraft

Lust reinzuschnuppern?

Frauen, die das Leben im Orden kennenlernen möchten, können bei den Maria- Ward-Schwestern in Nürnberg in der Mitlebe-Kommunität „Mamre“ auf Zeit einziehen. Sie gehen weiter ihrem Beruf, ihrem Studium oder ihrer Schulausbildung nach, leben, schlafen, essen und beten aber zusammen mit der Schwestern-WG. Die Schwestern bieten auch Auszeiten zur Abi-Vorbereitung an. Das einfache Ordensleben soll die Konzentration auf anstehende Herausforderungen erleichtern. Infos zu „Mamre“ gibt's telefonisch unter 0911/520969-200 oder per E-Mail unter mitlebekommunitaet@congregatiojesu.de.