Sie hören zu. Sie trösten. Sie fühlen mit. Sie stehen bei:Seelsorge im Krankenhaus

Klinikseelsorge
Klinikseelsorge
Krank sein. Eine Ausnahmesituation erleben. Das Seelsorge-Team am Klinikum Nürnberg Nord begleitet Menschen in diesen schweren Zeiten und gibt ihnen neue Kraft.
Datum:
Veröffentlicht: 7.1.22
Von:
Michael Kniess

Plötzlich und auf einen Schlag oder langsam schleichend verändert sich das Leben. Der gewohnte Rhythmus geht verloren. Der Boden unter den Füßen bricht weg. Die Zukunft steht mit einem Mal voller Fragezeichen. Die Endlichkeit des eigenen Lebens wird deutlich spürbar. Das SeelsorgeTeam am Klinikum Nürnberg Nord um Pastoralreferentin Sybille Schweiger-Krude begleitet Menschen in der Ausnahmesituation „krank sein“ an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr.

„Menschen in Krankheit, Krisen, Sterben und Tod zu begleiten, ist grundlegende Aufgabe der Seelsorge und gehört seit ihren Anfängen zum Selbstverständnis der Kirche“, betont die katholische Diplomtheologin und Sachgebietsleiterin der Seelsorge am Klinikum Nord. Gemeinsam mit ihren katholischen und evangelischen Kolleginnen und Kollegen leistet Sybille Schweiger-Krude den Patientinnen und Patienten Beistand, sie spendet Trost, betet mit ihnen oder unterstützt Angehörige beim Abschiednehmen von einem geliebten Menschen.

In solch lebensbedrohlichen oder -verändernden Situationen sind selbst Kirchenferne offen für christliche Zugänge. Das stellt auch Pastoralreferent Anton Baier Tag für Tag fest: „Die Krise regt die Menschen an, darüber nachzudenken, was wirklich wesentlich und unverzichtbar ist in ihrem Leben.“ Denn am Rande des menschlichen Daseins stellen sich die drängenden und substanziellen Fragen. Diese sind so vielfältig wie die Menschen überhaupt: Werde ich die schwere Operation überstehen? Wie lange habe ich mit meiner Erkrankung noch zu leben? Wie soll meine Familie nur finanziell über die Runden kommen, wenn ich nicht mehr bin?

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Menschen in Krankheit, Krisen, Sterben und Tod zu begleiten, ist grundlegende Aufgabe der Seelsorge und gehört seit ihren Anfängen zum Selbstverständnis der Kirche."

Sybille Schweiger-Krude

Mit diesen Sorgen, Anliegen und Ängsten wird der Seelsorger fortwährend konfrontiert. „Bei Schwerkranken und Sterbenden ist oft die Sorge um das Wohl derer, die zurückbleiben, größer als die Sorge um sich selbst“, so Anton Baier. Als Seelsorger auf der Intensivstation bewegt sich der katholische Diplomtheologe insbesondere seit Beginn der Corona-Pandemie Tag für Tag an der Grenze zwischen Leben und Tod: „Menschen, die in der Klinik die schwerste Zeit ihres Lebens verbringen, stellen oft fest, wie wichtig Dinge sind, die ihrem Leben Halt geben und die sie tragen.“ Er ist überzeugt: „Es steht der Kirche gut zu Gesicht, diese Fragen mitauszuhalten und gerade dann präsent und ansprechbar zu sein.“

Darüber hinaus sind die Krankenhausseelsorgerinnen und Krankenhausseelsorger aber auch mit handfesten Aufgaben befasst. Aufgrund ihrer Erkrankung geraten Menschen immer wieder auch in große finanzielle Not. Dann bedeutet Seelsorge mitunter auch, den Weg zum Sozialdienst zu ebnen. Überhaupt: Wer denkt, es seien nur im Glauben gefestigte Menschen, die den Zuspruch von der Krankenpastoral suchen, irrt. Die an Sakramenten und Ritualen orientierte Pastoral mit Krankensalbung, Krankenabendmahl und Sterbesegen ist nur eine ihrer Facetten. Daneben steht der menschliche Beistand im Fokus – mit der Offenheit für Glaubens- und Lebensfragen jeder Couleur. Denn die Krankenhausseelsorge steht vor allem auch für eine „Hingeh-Pastoral“, die für alle Menschen da sein will. Unabhängig von Religionszugehörigkeit und Weltanschauung.

„Ansprechbar sein, zuhören und Zeit haben, ist das eine“, sagt Pastoralreferentin Marion Endres. „Es geht aber auch darum, Mut zu machen, das Vertrauen in die eigenen inneren Kräfte zu stärken und damit auch zur Krankheitsbewältigung beizutragen.“ Im Alltag bedeutet das für die katholische Diplomtheologin und Diplompädagogin und ihre Kolleginnen und Kollegen, von Zimmer zu Zimmer zu gehen, anzuklopfen und das Gespräch anzubieten: „Wir wollen niemandem etwa überstülpen, sondern einfach zeigen, dass es da jemanden von der Kirche gibt, der sich interessiert und da ist, egal ob man gläubig ist oder nicht.“

Was manchmal mit einem belanglosen Smalltalk weniger über Gott und mehr über die Welt beginnt, mündet nicht selten in einem tiefgreifenden Gespräch. Denn hinter vermeintlich Banalem versteckt sich oft viel mehr. „Es dreht sich dabei oft auch um biografische Themen wie den Tod des eigenen Kindes vor 30 Jahren oder prägende Erlebnisse aus der Jugend. All das, was tief verborgen im Menschen schlummert und im Alltag manchmal über Jahrzehnte ausgeblendet wird, ist in einer solchen Situation oft plötzlich ein Thema“, betont Marion Endres.

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Wir wollen niemandem etwas überstülpen, sondern einfach zeigen, dass es da jemanden von der Kirche gibt, der sich interessiert und da ist, egal ob man gläubig ist oder nicht."

Marion Endres

Welche Kraft ein solch persönliches Gespräch, ein Segensritual oder ein Gebet ausstrahlen können, selbst für Menschen, die Kirche und Glaube skeptisch gegenüberstehen, erlebt auch Pfarrerin Dorothea Böhle immer wieder. Die evangelische Klinikseelsorgerin und Pastoralpsychologin unterstreicht: „Wenn jemand sagt, dass er mit Glauben und Kirche nichts anfangen kann, ist das in der Regel nicht der Schlusspunkt einer Begegnung, sondern erst der Anfang.“

Oft beginnen solche Anfänge ganz zufällig. „Ich treffe jemanden auf dem Klinikgelände, dann öffnet sich ein Raum und ich schaue, wie ich in dem Moment da sein kann“, sagt Sybille Schweiger-Krude. Immer wieder sind es auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klinikums, die diesen Raum suchen. Pflegekräfte genauso wie Ärztinnen und Ärzte, die gerade in den letzten Monaten im Alltag nicht selten an ihre physischen und psychischen Grenzen kommen: Auch sie haben Fragen, Sorgen, Ängste und Nöte. Mal sind diese beruflicher, mal sind sie privater Natur.

Patientinnen und Patienten, Angehörige, Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Seelsorgerinnen und Seelsorger: Zusammen kommen sie alle (und meist doch jeder für sich) in der Kapelle des Klinikums. Diese hat im hektischen Klinikalltag eine besondere Bedeutung. Hier finden nicht nur regelmäßig Gottesdienste statt. Gläubigen wie suchenden Menschen, Kranken wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Angehörigen wie Besucherinnen und Besuchern ist sie ein stiller Rückzugsort für ein Gebet, zur Besinnung und für Gedanken an liebe Menschen.

Immer wieder halten hier auch die Seelsorgerinnen und Seelsorger für einen Moment inne. Sie tanken Kraft für den wertvollen Dienst am Menschen, den sie jeden Tag leisten: Sie reden. Sie schweigen. Sie hören zu. Sie beten. Sie trösten. Sie fühlen mit. Sie geben Ratschläge. Sie stehen bei. Sie lachen und sie halten aus.

Krankenhausseelsorge im Erzbistum Bamberg

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Im Erzbistum Bamberg sind 43 Seelsorgerinnen und Seelsorger aus allen pastoralen Berufsgruppen in der Krankenhausseelsorge tätig. An 30 Standorten tun die Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten ihren bedeutsamen Dienst am Menschen. Denn mit der Krankenpastoral erfüllt die Kirche eine ihrer Grundaufgaben: Menschen in Krankheit, Krisen, Sterben und Tod zu begleiten. Die Klinikseelsorge arbeitet zudem meist mit in der Ethikberatung der Kliniken. Unterstützt werden die Seelsorgerinnen und Seelsorger dabei von eigens für diesen Dienst ausgebildeten Ehrenamtlichen, die sich im Besuchsdienst engagieren.

Um damit umgehen zu können, Tag für Tag Menschen zu begegnen, die schwer krank sind oder im Sterben liegen, werden die hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger von der Erzdiözese umfassend auf ihre Tätigkeit vorbereitet. Neben einer theologischen, pastoralen Ausbildung sowie einer pastoralpsychologischen Weiterbildung haben sie in der Regel zudem eine klinische Seelsorgeausbildung, die durch eine kontinuierliche Fortbildung weiter vertieft wird. Hinzu kommen Angebote von Supervision und Fallbesprechungsgruppen.