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Im Interview:Warum ich katholisch bleibe

Die Bestsellerautorin Tanja Kinkel im Gespräch
Datum:
Veröffentlicht: 1.6.17
Von:
Harry Luck

Die Bestsellerautorin Tanja Kinkel im Gespräch

Als Autorin historischer Romane hat sich Tanja Kinkel auch mit den dunklen Kapiteln der Kirchengeschichte beschäftigt. Dennoch ist sie bis heute überzeugte Katholikin geblieben. Die 47-Jährige hat seit 1990 17 Romane und Novellen veröff entlicht, zahlreiche Preise gewonnen und ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und erreichen ein Millionenpublikum. Was sie mit ihrer Heimatstadt Bamberg verbindet und wie
sich ihr Glaube in ihren Büchern wiederfindet, erzählt sie im Interview mit „Leben“.

Frau Kinkel, auf Ihrer Facebook-Seite geben Sie nicht nur Ihren Geburtsort Bamberg an, sondern auch als Religion „römisch-katholisch“. Es ist ja heute nicht unbedingt üblich, seinen Glauben öffentlich zu machen.

Das Katholischsein ist Teil meiner Person und meiner Biografie. Auch wenn ich mich als kritische Katholikin sehe: Ich bin nie ausgetreten. Als mein Roman „Die Puppenspieler“ erschien, in dem es um die Hexenverfolgung geht, wurde ich oft gefragt, warum ich in dieser Kirche bleiben kann. Ich sagte dann immer, dass ich ja auch nicht wegen der Nazi-Zeit die deutsche Staatsbürgerschaft ablege. Mögliche Gründe auszutreten, wären eher aktuellere Themen, etwa das gigantische Ausmaß von Missbrauch und wie damit umgegangen wurde. Es hat mich abgestoßen, dass vielerorts die Kirchenoberen kein Mitleid mit den Opfern empfanden, sondern eher Selbstmitleid gezeigt hatten. Das ist das Gegenteil von dem, wie sich Priester verhalten sollten. Inzwischen hat die Kirche hier viele Schritte unternommen, aber es müssen noch mehr folgen. Für mich war es eine bewusste Entscheidung, nicht auszutreten.

Welche Gründe halten Sie in der katholischen Kirche?

Zunächst mal die persönliche Erfahrung mit Priestern, Mönchen und Nonnen, die zu den uneigennützigsten Menschen gehören, die ich kennengelernt haben. Sie leben das christliche Ideal und beweisen, dass es eben nicht „nur“ ein Ideal ist. Außerdem gibt mir auch der Besuch der Messe etwas. Ich gehe nicht jeden Sonntag in die Kirche, aber auch nicht nur an den Feiertagen. Die Sakramente und das Gebet geben mir etwas, auch das Gefühl der Gemeinschaft. Wenn ich zur Kommunion gehe, spüre ich etwas, das ich sonst nirgends empfinde. Es ist für mich wirklich ein heiliger Moment. Darauf möchte ich nicht verzichten. Das alles sind Gründe für mich, in der Kirche zu bleiben.

Macht Papst Franziskus es einfacher, katholisch zu sein?

Ich war sehr erfreut, als Franziskus gewählt wurde und sich diesen Namen gab. Denn der heilige Franziskus ist für mich eine der zentralen Gestalten der Kirchengeschichte. Vieles von dem, was der Papst macht, finde ich gut. Aber man sollte ihn auch nicht zu sehr idealisieren. Mit dem, was Papst Benedikt getan hat, war ich oft nicht einverstanden. Dies war für mich aber kein Grund zu sagen, ich wäre keine Katholikin mehr. Nach dem sehr konservativen Papst ist es für mich eine Erleichterung, jetzt einen reformorientierten Papst zu haben. Eine Kirche, die die Renaissance-Päpste überlebt hat, übersteht auch gelegentlich einen konservativen Papst. Über die Renaissance-Päpste konnte man ja wirklich kein gutes Wort verlieren, außer dass sie Förderer der Künste waren. Es ist gut, dass wir heute einen Papst haben, der Traditionen in Frage stellt und die Priester in der ganzen Welt ermahnt, bescheiden zu leben.

Ein Buch kann beitragen, die Welt zu verbessern oder zu verschlimmern."

Kann man Ihren Glauben auch in Ihren Büchern wiederfinden?

Teilweise schon. In meinem jüngsten Buch „Schlaf der Vernunft“, in dem es um den RAF-Terror geht, stellt sich die Frage, wie man mit Schuld fertig wird, ob es Vergebung geben kann. Die Antworten sind auch von dem in mir beeinflusst, was katholisch ist. Die Grunddebatte zwischen Katholiken und Protestanten ist ja nicht sowas Nebensächliches wie der Zölibat, sondern die Frage der Rechtfertigung: ob man allein durch den Glauben oder durch den Glauben und gute Werke das ewige Heil erlangt. Für mich ist die Antwort, dass Glaube und gute Werke zusammengehören. Deshalb bin ich auch katholisch und nicht evangelisch.

In „Schlaf der Vernunft“ schreiben Sie auch aus der Perspektive einer jungen Frau, die mit der Baader-Meinhof-Gruppe in Kontakt kommt, mit deren Zielen sympathisiert und später selbst Terroristin wird. Wie schwer ist es, sich in das Denken eines Terroristen oder eines Mörders zu versetzen?

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich in den Kopf eines Mörders versetzt habe, ich habe auch schon aus der Perspektive von Folterern oder Inquisitoren geschrieben. Die zusätzliche Schwierigkeit war hier eher die zeitliche Nähe. Ich war ja selbst Kind in dieser Zeit. Die schriftstellerische Herausforderung besteht darin, die Terroristin verständlich zu schildern, ihr Verhalten zu erklären, aber nicht zu entschuldigen. Ich habe in meinem Buch den Opfern des RAF-Terrors den gleichen Raum eingeräumt wie den Tätern. Meistens wird ja nur über die Täter geschrieben, nicht über die Opfer. Es gibt Ex-Terroristen, aber nicht Ex-Opfer. Opfer ist man sein Leben lang.

Haben Sie sich gefragt, ob Sie selbst auch Terroristin hätten werden können, wenn Sie ein paar Jahre älter gewesen wären?

Es ist heute natürlich leicht zu sagen, diesen letzten Schritt hätte ich nicht getan. Hundertprozentig kann es niemand wissen, aber ich denke und hoffe, dass ich die Grenze zu Gewalt und Mord erkannt hätte, wenn ich während der 70er Jahre bereits erwachsen gewesen wäre. Man darf nicht vergessen, dass das Vertrauen in den Staat damals grundsätzlich erschüttert war. Die Vergangenheitsbewältigung nach der Nazi-Zeit hatte gerade erst angefangen, viele Schlüsselpositionen im Staat waren noch von Alt-Nazis besetzt. Das heißt aber nicht, dass es eine zwangläufige Entwicklung gab, gewalttätig zu werden. Es gab viele, die politisch tätig wurden, die aber niemals bereit gewesen wären, Menschen umzubringen.

Auch heute ist bei vielen wieder das Vertrauen in den Staat erschüttert.

In der Tat. Wenn man sich anschaut, dass das unsägliche Goebbels-Wort „Lügenpresse“ wieder en vogue ist, wie Politiker der demokratischen Parteien dieses Vokabular übernehmen und sich in gewissenloser Weise den Parolen anschließen, dann läuft es mir schon eiskalt den Rücken runter. Den Abgrund aller Abgründe sieht man gerade in Amerika, wo die Jahrhunderte alte Demokratie im Begriff ist, sich in eine Bananenrepublik zu verwandeln. Ich habe die meisten Jahre meines Lebens in dem Glauben verbracht, dass wir nie herausfinden können, wie wir uns im Dritten Reich verhalten hätten. Im Moment glaube ich: Das ist nicht mehr auszuschließen, insbesondere, da ich mich als Weltbürgerin empfinde.

Der Besuch der Messe hat etwas. Ich gehe nicht jeden Sonntag in die Kirche, aber auch nicht nur an den Feiertagen. Die Sakramente und das Gebet geben mir etwas, auch das Gefühl der Gemeinschaft."

Ich frage die Historikerin: Kann man die heutige Zeit wirklich mit den dreißiger Jahren vergleichen? Wie ernst ist die Lage?

Sie ist ernst. Aber jede Epoche ist für sich einzigartig. Man muss die Parallelen sehen, aber auch die Unterschiede. Wenn in den letzten Jahren der Weimarer Republik die Menschen auf die Straße gegangen wären wie jetzt in den USA, dann wäre manches vielleicht anders gelaufen. Das Verharmlosen ist wieder ungeheuer in. Ebenso die Verrohung der politischen Auseinandersetzung. Wir sind schon nicht mehr schockiert, wenn auf Demonstrationen Politiker am Galgen gezeigt werden oder wenn gegen den Bamberger Erzbischof in den sozialen Netzen Todesdrohungen ausgesprochen werden. Wenn Politiker denken, sie könnten diese populistischen Strömungen für sich ausnutzen, dann erinnere ich daran, dass man auch bei Hitler anfangs dachte, man könnte ihn bändigen. Wir wissen alle, wie das ausgegangen ist.

Heute ist der islamistische Terror das beherrschende Thema. Welche Parallelen und Unterschiede sehen Sie zur Zeit des RAF-Terrors?

Vereinfacht ausgedrückt: Die RAF hat sich damals marxistische Parolen herausgesucht und sich eine Rechtfertigung gezimmert, ohne die entsprechenden Bücher intensiv zu lesen. Die ganze RAF-Maschinerie wurde sehr schnell zu einer Selbstrechtfertigungsmaschinerie. Die toten oder inhaftierten RAF-Angehörigen wurden zur Rechtfertigung für die nächsten Attentate. Das war ein Märtyrersyndrom, das ist durchaus ähnlich zum islamistischen Terrorismus. Er pickt sich stückchenweise Dinge aus dem Koran, ohne sich intellektuell auf Diskussionen einzulassen. Eine weitere Parallele: Die Islamisten sprechen allen, die nicht ihrer Meinung sind, das Menschsein ab. Ich erinnere an den berühmten Satz von Ulrike Meinhof: „Polizisten sind Schweine, auf die geschossen werden darf.“ Auch die heutigen Terroristen nehmen die Menschen, die sie töten, nicht mehr als Menschen wahr. Man muss aber auch Unterschiede sehen: Früher wurden Anschläge kurz vorher angekündigt, es wurden politische Symbolfiguren entführt oder ermordet. Heute ist das Ziel maximale Tötung, größtmögliche Schockwirkung, maximale Publicity. Ein weiterer Unterschied: Die RAF-Terroristen waren Wehrdienstverweigerer und konnten erst mal nicht mit Waffen umgehen. Heute bekommen Terroristen ihre Ausbildung an der Waffe oder zum Bau von Bomben übers Internet. Wenn allerdings Andreas Baader getwittert hätte, hätte er vielleicht nie Anschläge verübt, weil er bereits mit seiner cholerischen Art einen Shitstorm nach dem anderen verursacht hätte.

Sie sind gebürtige Bambergerin, leben in München, haben aber den Bezug zu Ihrer Heimat nicht verloren.

Meine Familie lebt hier, deshalb bin ich gerne und regelmäßig hier. Ich bin Kulturbotschafterin von Bamberg, im Beirat der Freunde der Bamberger Symphoniker und Schirmherrin des Bamberger Literaturfestivals. Bambergerin zu sein, ist für mich ein unverzichtbarer Teil meiner Identität. Vielleicht wäre mein Verhältnis zur Geschichte und zum historischen Roman ganz anders, wenn ich nicht in dieser wunderschönen, historischen Stadt aufgewachsen wäre.

Im Alter von 23 Jahren – ganz am Anfang Ihrer Autorenkarriere – gründeten Sie den Verein „Brot und Bücher“. Was hat es damit auf sich?

Seit meinem dritten Roman habe ich das Glück, vom Schreiben leben zu können. Weil ich keinen zweiten Beruf brauche, habe ich die Möglichkeit, mich für „Brot und Bücher“ zu engagieren. Meine Eltern, Freunde und ich wollten damals mehr tun, als nur zu Weihnachten etwas zu spenden. Wir wollten auch nicht an große Organisationen spenden, wo viel Geld für die Verwaltung nötig ist. Deshalb haben wir einen kleinen Verein gegründet, bei dem wir die Verwaltung und alle Reisekosten selbst übernehmen und immer genau wissen, wo das gespendete Geld hinkommt und was damit geschieht. Wir unterstützen vorwiegend Projekte in Indien und Afrika. Das jüngste Projekt läuft in Benin, wo wir Kinder mit Handicap unterstützen. Die Armen leben dort auf Abfallbergen. Behinderte werden häufig als nicht nutzbar betrachtet und landen in der Sklaverei oder fallen dem Organhandel zum Opfer. Wir unterstützen dort den Bau einer Schule und eines Internats für Gehörlose, damit sie zeigen können: Sie sind auch Menschen, die eine Zukunft verdient haben. Auf unserer Website www.brot-und-buecher.de sind alle Projekte beschrieben.

Kann man mit Büchern die Welt verbessern?

Man kann die Welt durch Vorbild und menschlichen Einsatz verbessern, das kann auch über Bücher geschehen. Es gibt Bücher, die die Welt schlechter gemacht haben. Der „Hexenhammer“ ist eines der übelsten Bücher der Weltgeschichte, das zur Hexenverfolgung beigetragen hat. Zugleich hat Friedrich von Spees „Cautio Criminalis“ dazu beigetragen, den Hexenwahn zu beenden. Diese historischen Beispiele zeigen: Ein Buch kann dazu beitragen, die Welt zu verbessern oder zu verschlimmern.