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Kulturgut Lesen:Die vielen Kapitel der Bücherei in Adelsdorf

Seit fast 30 Jahren leitet Johannes Weiß die Bücherei in Adelsdorf – und das ehrenamtlich. Die Geschichte dieser Einrichtung begann schon vor über 60 Jahren: mit einem Pfarrer und einem Bücherschrank. Ein Ortsbesuch.
Datum:
Veröffentlicht: 1.6.18
Von:
Nadine Luck

Etwas nach hinten versetzt an der Hauptstraße von Adelsdorf im Landkreis Erlangen-Höchstadt steht das Pfarrheim, an dessen Rückseite einige Stufen nach unten führen. Dort im Keller ist der Eingang zur öffentlichen Bücherei, einer beliebten Einrichtung vor allem für Familien, für Jugendliche (inzwischen: vor allem für Mädchen) und dann wieder überwiegend für Menschen im Ruhestand. Insgesamt 800 aktive Nutzer leihen sich im Jahr 24.000 Medien aus. Das waren schon mal mehr, und das waren schon mal weniger. Doch fangen wir von vorne an.

Das erste Kapitel der Adelsdorfer Bücherei wurde 1957 geschrieben. Der damalige Pfarrer Kaspar Lang hatte seinen Bestand von 140 Titeln in einem Schrank der Öffentlichkeit zur Ausleihe zur Verfügung gestellt. 20 Jahre später, 1977, gab es schon mehr Bücher zu verwalten: Auf immerhin fünf volle Schränke war der Bestand gewachsen. Der damalige Pfarrer Friedrich gab die Leitung der Bücherei nun lieber ab – an fünf Ministranten, die sonntags nach der Messe dafür sorgten, dass die Gemeindemitglieder Bücher lesen konnten. 1978 zogen die Bücher in neue Räume im Pfarrzentrum um. Seither hat sich ziemlich viel verändert.

Aus einem einzelnen Schrank wurden zwei Stockwerke mit 16.500 Medien.

-Johannes Weiß

Der Bestand der Medien – es handelt sich heute um Bücher, Gesellschaftsspiele, Zeitschriften, Hörbücher, DVDs – ist auf 16.500 gewachsen. Die Medien nehmen jetzt zwei Stockwerke des Pfarrheims auf 230 Quadratmetern ein. Gearbeitet wird nicht mehr mit Karteikarten, sondern am Computer – in einem Team aus 18 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Eins aber ist geblieben: Einer der Ministranten aus dem Jahr 1977 wurde 1979 zum ehrenamtlichen Leiter der Bücherei: Johannes Weiß. Er leitet die Bücherei immer noch, inzwischen 57-jährig und hauptberuflich in der Medizintechnik bei Siemens tätig. „Ich hab den Absprung nicht geschafft“, sagt er und schmunzelt.

Er und sein Team sorgen dafür, dass die Bücherei an drei Tagen pro Woche geöffnet ist: dienstags von 10 bis 12 und von 15 bis 17 Uhr, donnerstags von 18 bis 20 Uhr und sonntags traditionell wieder rund um den Gottesdienst, von 10 bis 11.30 Uhr. Sie kümmern sich um die Ausleihe und die Beratung der Leser, sie pflegen und ordnen die Bücher und veranstalten einmal pro Jahr eine Lesenacht. Viele der Mitarbeiter arbeiten jahrelang im Team mit, zum Beispiel der 17-jährige Schüler Lennart Rehn, der seit vier Jahren dabei ist.

Leser von früher kommen heute mit ihren eigenen Kindern.“

-Johannes Weiß

Allein gestellt sind Weiß und seine Helfer nicht mit der ganzen Arbeit. Sie bedienen sich des Dachverbands der öffentlichen Büchereien in kirchlicher Trägerschaft, des Sankt Michaelsbunds. Er hat seine Zentrale in München und eine Diözesanstelle in Bamberg und offeriert den Büchereien als katholischer Medienverbund diverse Dienstleistungen: etwa Hilfestellung in sämtlichen bibliothekarischen Fachfragen, Fortbildungen, ein Fachmagazin mit aktuellen Buchbesprechungen und die Vermittlung staatlicher und kirchlicher Fördergelder. Doch, dass die Kirche hinter der Bücherei steckt – merkt man das zwischen den Ken Folletts und Teneriffa-Reiseführern im Bücherregal? „Man merkt es eher an den Büchern, die nicht hier sind“, sagt Johannes Weiß. „Shades of Grey“ und „Feuchtgebiete“ würde man hier vergeblich suchen. Und ja, das Regal mit religiösen Büchern dürfte umfangreicher sein als in vergleichbaren städtischen Büchereien. Ansonsten aber findet sich auch alles, was das Leseherz begehrt: von Kinder- über Kochbücher hin zu fremdsprachiger Literatur, Krimis und Anleitungen zur Geflügelzucht – übrigens auch ein Hobby von Büchereileiter Weiß.

Wenn ich jemanden dazu kriege, passende Bücher zu lesen – prima!“

-Johannes Weiß

Finanziert wird die Bücherei durch Leihgebühren, die Gebühren säumiger Leser, die Pfarrei, die Gemeinde. Oder durch Buchspenden, wenn Menschen kaum gelesene Exemplare abgeben. Überhaupt sei das ein Phänomen, das Weiß beobachtet hat: Früher hätten tatsächlich viel mehr Menschen ihre Literatur ausgeliehen. Ende der 90er Jahre etwa hatte er in Adelsdorf noch 50.000 Ausleihen zu verzeichnen, also mehr als doppelt so viel wie heute. Heute würden die Menschen eher Bücher online bestellen und sie sich ins Haus liefern lassen. Auch attraktive Freizeitangebote für die Jugend und natürlich auch Spielekonsolen und Smartphones seien verantwortlich für den Rückgang. Dennoch: Die, die früher als Kind mit ihren Eltern in die Bücherei gekommen sind, kommen heute häufig wieder, mit ihren eigenen Kindern. Darüber freut sich Weiß sehr. Und wenn er es dann schafft, einem wenig lesebegeistertem Kind ein Buch zu empfehlen, das sein Lesefieber entfacht, dann weiß er, warum er das Ehrenamt macht. „Der Austausch und die Beratung, das macht viel Spaß“, sagt er. „Und wenn ich jemanden dazu kriege, passende Bücher zu lesen – prima!“

Ein schöner Ort ist es, den Weiß und seine Mitstreiter geschaffen haben. Davor, dass der langjährige Leiter irgendwann das Kapitel Bücherei abschließt, hat etwa Pfarrgemeinderatsvorsitzender Thomas Röckelein Angst: Es sei schwer vorzustellen, dass jemand die Bücherei mit derartigem Engagement weiterführen könnte. Bis es so weit ist, sorgt Johannes Weiß hoffentlich noch für jede Menge Lesestoff.

Eine Übersicht der katholischen Büchereien im Erzbistum Bamberg finden Sie hier.

Warum der St. Michaelsbund Büchereien betreibt, erklärt Diözesanbibliothekarin Melanie Dirauf hier