Doppelinterview mit Erzbischof und Regionalbischöfin:Glaube wächst in Gemeinschaft

Frau Regionalbischöfin, Herr Erzbischof, hatten Sie in letzter Zeit Erlebnisse oder Begegnungen, die Ihnen gezeigt haben, wie lebendig Kirche heute noch ist?
Gössl: Vor Kurzem haben wir Ehrenamtliche ausgezeichnet – von der Zeltlagergruppe bis zur Eine-Welt-Gruppe. Sie stehen für ein Engage- ment, ohne das Kirche heute nicht bestehen könnte.
Sachs: Ich erlebe bei meinen Besuchen viel Kraft und Lebendigkeit. In Dorfgemeinschaften, bei Kirchweihen, Ordinationen, Hochschulgemeinden. In der Bayreuther Gehörlosengemeinde feierte ich einen bewegenden Gottesdienst mit Gebärdenchor. Kirche lebt da, wo Menschen sie gestalten. Die sinkenden Mitgliederzahlen sind Realität.
Wie gehen Sie mit dem Rückgang der Gläubigen um – strukturell, aber auch geistlich?
Sachs: Wir verschlanken Strukturen, um nah bei den Menschen zu bleiben. Geistlich zählt nicht die Zahl, sondern jeder Einzelne, der Glauben lebt und weiterträgt.
Gössl: Auch bei uns übernehmen Ehrenamtliche mehr Verantwortung. In 35 Seelsorgebereichen arbeiten Teams aus Haupt- und Ehrenamtlichen, die bis 2027 eigene pastorale Strategien entwickeln. Dieser Prozess soll neue Impulse setzen – offen, experimentierfreudig und ökumenisch.
Die Kirchen stehen auch vor einer Vertrauenskrise. Wie begegnen Sie ihr?
Gössl: Vertrauen wächst nur durch glaubwürdiges Handeln – bei Priestern, Hauptamtlichen, allen, die Kirche repräsentieren. Transparenz ist zentral, besonders bei Finanzen. Entscheidend ist: Wir müssen leben, was wir verkünden.
Sachs: Vertrauen lässt sich nur täglich neu erarbeiten – durch Ehrlichkeit, Respekt und Zugewandtheit. Jede und jeder, die in der Kirche Verantwortung tragen, sind Gesichter der Glaubwürdigkeit. Wichtig ist, dass sie sich von der Kirchenleitung gesehen und unterstützt fühlen.
Was bedeutet „Glaubwürdigkeit“ für Sie persönlich – und wie kann sie heute neu gewonnen werden?
Sachs: Dass man mir meinen Glauben glaubt. Glaube macht weder mich noch die Kirche unfehlbar, aber er hilft, Fehler einzugestehen und daraus zu lernen. Gerade beim Umgang mit Missbrauchsfällen sind wir in einem schmerzhaften Lernprozess.
Gössl: Glaubwürdigkeit heißt für mich: Leben und Verkündigung müssen zusammenpassen. Wenn wir Gemeinschaft predigen, müssen wir sie auch leben – offen, menschlich, veränderungsbereit.

