Kirche erleben statt nur erklären

Mehrere Personen, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand, gehen langsam im Kirchenraum umher. Sie lassen sich Zeit, entdecken, wo in der Kirche sie sich besonders wohlfühlen, und suchen sich schließlich einen Platz aus. Dort bleiben sie dann für eine kurze Zeit sitzen, bevor eine Klangschale ertönt und alle sich vor dem Altar sammeln.
Das Ganze ist Teil einer Kirchenführung. Und zwar einer, bei der die Gruppe nicht nur von Statue zu Statue geht, sich die Bauweise der Säulen erklären lässt oder sich mit vielen Jahreszahlen die Baugeschichte vor Augen führt. Das alles kommt hier zwar auch vor, aber eben nicht ausschließlich. „Man lernt so viele Bausteine, die man dann in eine Führung einbauen kann. Und ohne die Ausbildung hat man diese Bausteine nicht“, sagt Gerd Arnold. Zusammen mit seiner Frau Claudia leitet er die Kirchenführung in St. Otto in Lauf a. d. Pegnitz. Sie ist für die beiden der Abschluss ihrer fast eineinhalbjährigen Ausbildung zur Kirchenführerin bzw. zum Kirchenführer, die im Erzbistum Bamberg alle zwei Jahre angeboten wird.
Schon 1995 wurde im Erzbistum ein solcher Kurs entworfen und geplant, der ein Jahr später zum ersten Mal startete. Die damals 24 Teilnehmenden lernten an vier Samstagen kunsthistorische, theologische und bistumsgeschichtliche Grundlagen. Auch pädagogisches Rüstzeug für Führungen wurde ihnen an die Hand gegeben.
Christian Kainzbauer-Wütig, der seit 2012 für die Erwachsenenbildungsarbeit im Erzbistum Bamberg verantwortlich ist, erklärt die Relevanz der Ausbildung: „Schon seit vielen Jahren besuchen deutlich mehr Menschen unsere Kirchen aus touristischen oder kunstgeschichtlichen Motiven als zu Andacht und Gebet.“ Architektur, Statuen und Ausstattungsgegenstände von Kirchen seien jedoch nicht nur aus künstlerischer Sicht bemerkenswert. Durch sie haben Menschen teils über Jahrhunderte ganz konkret ihrem Glauben Ausdruck gegeben. Heutigen Besucherinnen und Besuchern von Kirchen, die nicht christlich sozialisiert sind, sage das jedoch häufig nichts mehr. „Es bedarf einer Vermittlung“, so Kainzbauer-Wütig. Claudia Alraum, die die Ausbildung mitorganisiert, ergänzt: „Der kultur- und kunsthistorische Charakter der Kirchen soll weitergegeben werden, aber auch das, was die Kirchen noch sind, nämlich ein durchbeteter Raum, ein ganz besonderer Ort, der eben nicht nur ein Museum ist.“

